Faustdick hinter den Ohren

Liliane Silberbauer

von Liliane Silberbauer

Story

Ich suche nach meinem SchlĂŒssel, den ich mal wieder irgendwo abgelegt habe, wĂ€hrend ich gedanklich noch – oder schon – woanders war. Gefunden – er liegt neben dem Toaster, der dringend mal wieder von den Toastbrotbröseln befreit werden will. Ich habe mir vorgenommen, mir öfter „me-“ oder „quality time“ zu gönnen – das soll gut sein, zumindest sagen das die „inspirational instagram Profile“, denen ich folge, weil das auch gut fĂŒr die „mentale Gesundheit“ (ist das eigentlich mittlerweile ein Modebegriff?) sein soll. Intelligenz ist attraktiv – zumindest habe ich das mal irgendwo aufgeschnappt – ,also greife ich zu dem gelben Reclam-Heft, dessen Ecken verbogen und Seiten leicht gewellt sind (aber nicht, weil ich es schon unzĂ€hlige Male gelesen habe, sondern weil ich es damals in der 7. Klasse, als wir es im Deutschunterricht bekommen haben, achtlos in meine Schultasche geworfen und unter Weckerln vom Anker und zerknĂŒllten ArbeitsblĂ€ttern vergraben habe). 

Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Erster Teil. 
Ich lese die schwarzen Buchstaben gedruckt auf das scheußliche Gelb und verdrehe dabei die Augen kaum merklich. Das zeugt von Intelligenz, oder nicht? Ich halte es in der Hand, wĂ€hrend ich mich auf den Weg zum Campus im alten AKH begebe. Warum stecke ich es nicht in meine Tasche, fragst du? Da wĂ€re doch genug Platz. Das ist richtig, aber die mir absolut fremden Menschen, die mir auf der Alser Straße entgegenkommen, mĂŒssen doch sehen, dass ich gebildet bin, wie soll ich sie sonst beeindrucken? Ich hole mir noch einen Coffee-to-go, denn das macht man so, wenn man sich zum Lesen auf eine Parkbank setzt. 

 â€žDIREKTOR. Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und TrĂŒbsal, beigestanden,
Sagt was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?“

Meine Augen bewegen sich von links nach rechts, ich lese jedes einzelne Wort, aber kein einziges davon kommt in meinem von Intelligenz offenbar bereits ĂŒberfĂŒllten Hirn an. Ich wĂŒrde gerade lieber auf mein Handy starren und hörbar durch die Nase ausatmen – als amĂŒsierte Reaktion auf ein Meme. Ich schĂŒttle mich, halte das gelbe Heft nĂ€her an mein Gesicht und sage still zu mir selbst „Konzentrier‘ dich, du musst deine quality time ausnutzen, dann fĂŒhlst du dich mental ausgeglichen.“ 

 â€žDIREKTOR. Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und TrĂŒbsal,…“

Eine Whatsapp-Nachricht holt mich aus den nicht ganz so fesselnden Worten des Direktors heraus. Schade. Noch wĂ€hrend ich die Nachricht öffne, wandert der Direktor mitsamt Faust, Geist und Wagner in meine Tasche, wo sie unter Taschentuchpackerln und den Bröselfreunden der Toasterbröseln verschwinden und vielleicht wieder herausgeholt werden, wenn ich mir wieder einmal einrede, dass Intelligenz attraktiv macht und ein Reclam-Heft auf einer Parkbank sitzend zu lesen „quality time“ ist.
Zumindest hat mein Instagram-story-Foto von Einweg-Kaffeebecher und Reclam-Faust auf der hölzernen Parkbank – natĂŒrlich versehen mit einem vintage-Filter – ein paar likes bekommen, denke ich sarkastisch amĂŒsiert, wĂ€hrend ich nach Hause spaziere, um mir Pizza zu bestellen und bei Trash-Filmen fernzuschlafen.

© Liliane Silberbauer 2023-06-27

Genres
Romane & ErzÀhlungen
Stimmung
Komisch, Unbeschwert, Reflektierend
Hashtags