Fire & Shadows – Flammender Verrat

Jennifer Schoffelke

von Jennifer Schoffelke

Story
Medura

Mit zittrigen Fingern faltete sie das Papier auf. Der erste Satz ließ ihren Atem stocken, ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Mein Flammenfuchs, unter Tränen musste sie lachen. Ein raues, gebrochenes Lachen, das aus ihrer Brust hervorbrach, als hätte jemand einen Knoten gelöst. Flammenfuchs. Wie oft hatte sie als Kind vorgegeben, ein Fuchs aus reinen Flammen zu sein? Unbesiegbar, unantastbar – ein Geschöpf, das niemand berühren durfte, ohne sich die Finger zu verbrennen. Ein Spiel, das sie immer gewinnen wollte, ein Spiel, das später die Grundlage ihrer Assassinen Ausbildung wurde. Denn auch hier würde sie niemals wieder jemand berühren, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Die Worte auf dem Papier schienen mit jedem Atemzug tiefer in ihr Herz zu schneiden. Aber sie zwang sich weiterzulesen. Wenn du diesen Brief in den Händen hältst, bin ich nicht mehr an deiner Seite. Dieser Gedanke ist schwer zu ertragen, doch ich muss ihn akzeptieren. Es gibt Dinge im Leben, die man nicht ändern kann, und mein Ende ist eines davon. Du warst und bist alles für mich – meine Schwester, meine beste Freundin, meine schärfste Kritikerin und gleichzeitig meine größte Stärke. Du warst der Fels, der mich gehalten hat, und die Flamme, die mich immer wieder dazu brachte, über mich hin auszuwachsen. Sie ließ den Brief sinken, ihre Schultern bebten unter der Wucht der Worte. Ihre Finger zitterten, als sie wieder ansetzte zu lesen. Ich weiß nicht, wann du das hier liest. Vielleicht in Wochen, vielleicht in Jahren. Aber eines weiß ich mit Gewissheit: Ich wünsche mir ein anderes Leben für dich, Flammenfuchs. Eines, das dir mehr schenkt, als ich es jemals konnte. Ein Leben voller Glück, voller Freiheit. Vor allem aber jene Freiheit, deine eigenen Entscheidungen zu treffen, deine eigenen Wege zu gehen – ohne dass jemand anderes dich lenkt oder dich zurückhält. Eine Freiheit, die dir die Macht gibt, über dein Leben entscheiden zu können, ohne dass es jemand anderes für dich tut. Ich wünsche dir Liebe. Ich habe so oft in deine Augen sehen dürfen und bin einer der wenigen, der deine Liebe spüren durfte. Für dieses Geschenk bin ich dir mehr dankbar, als Worte es jemals ausdrücken könnten. Kämpfe, Flammenfuchs. Kämpfe für dein Leben, für deine Freiheit, für die Liebe. In dieser Welt wartet so viel auf dich, aber du musst es dir nehmen. Du musst mutig genug sein, es dir zu holen. Solltest du dich jemals allein fühlen, denk daran: Meine Liebe für dich bleibt. Sie wird dich niemals verlassen, genauso wenig wie die Erinnerungen an all die Dinge, die wir geteilt haben. Für eine bessere Welt, Flammenfuchs. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie den Brief kaum festhalten konnte. Die Worte verschwammen vor ihren tränen nassen Augen, doch sie konnte die Tränen noch nicht loslassen. Er hatte gewusst, dass er sterben würde. Er wusste es die ganze Zeit über. Aber dann passierte es doch. Heiße Tränen liefen unaufhaltsam über ihre Wangen, brannten auf ihrer Haut, während ihr Herz in tausend Stücke zerbrach. Wie konnte er es wagen? „Verdammt, Nicolas“, flüsterte sie, ihre Stimme rau vor Schmerz. Wenn es einen Weg gab, ihn zurückzuholen, würde sie ihn finden. Und wenn sie ihn gefunden hatte, würde sie ihn anschreien, ihn ohrfeigen und ihn fragen, wie er mit all seiner gottverdammten Intelligenz auf eine so dumme Idee kommen konnte. „Du warst der klügste Mann dieser Welt, Nicolas“, flüsterte sie mit einem bitteren Lächeln. „Und trotzdem bist du ein verdammter Idiot. Ein nun toter Idiot“

© Jennifer Schoffelke 2025-02-16

Genres
Science Fiction & Fantasy
Stimmung
Abenteuerlich, Dunkel, Emotional, Hoffnungsvoll, Reflektierend
Hashtags