Fotomania …

Solandra

von Solandra

Story

Das Smartphone hat es möglich gemacht, Allzeit zur Hand, allzeit einsatzbereit. Noch ist der private Raum halbwegs geschützt, aber das öffentliche Feld ist zum Fotolabor geworden. Ich weiß, es gibt ein Gesetz oder eine Verordnung, die die Persönlichkeitsrechte schützen soll inkl. das Foto der eigenen Person. Aber so schnell wie Bilder heutzutage auf die sozialen Medien hochgeladen werden, ist diese Verordnung meistens Makulatur.

Sobald wir unsere eigenen vier Wände verlassen, sind wir fototechnisches “Freiwild”. Ich erinnere mich an ein nettes Beisammensein mit ehrenamtlichen Kollegen, in den Büroräumen der Chefetage. Und ohne Vorwarnung zog die seinerzeitige Präsidentin ihr Smartphone aus der Tasche und klickte munter drauflos. Ohne um Erlaubnis zu bitten. Der eine oder andere sagt dann zwar, diese Schnappschüsse seien nur fürs private Archiv, aber fragen hätte frau schon können. Das war das letzte Mal, dass ich einer Einladung auf Kaffee und Kuchen gefolgt bin.

Ein weiteres Aha-Erlebnis war die Einladung einer lieben Kollegin, nennen wir sie Mary, auf eine Shoppingtour in die nächstgrößere Stadt. Auf dem Weg dorthin wurde noch eine zweite Freundin abgeholt. Ohne vorherige Absprache, eine für mich unbekannte, wenn auch nette Dame. Im Café wollte Mary dann ihre Fotoshow beginnen. Ich sagte klar und deutlich, dass ich dieses “Grinsen für die Kamera” nicht möge. Zuerst tat sie so, als würde sie meinen Wunsch respektieren. Wurde aber am nächsten Tag eines Besseren belehrt. Sie zeigte Fotos von unserem Ausflug im Freundeskreis herum. Sie hatte die Bilder heimlich von unterhalb des Tisches gemacht, ohne dass ich es bemerkt hatte. Sie fand absolut nichts dabei, fand das ganze lustig. Als ich ihr dann aber eine sehr ernste Mail sandte, sagte sie zu, die Bilder nicht zu posten bzw. zu löschen. Mit einem verständnislosen Achselzucken. Mary hatte während ihres einwöchigen Marokko-Urlaubs weit über 1.000 Fotos geschossen, wie sie uns strahlend erzählte. Nach dem Anschauen des 30. Urlaubsfotos haben wir dann abgewunken.

Nun ist für die nächsten Tage wieder ein großes Event angesagt. Ein Restaurant-Dinner im oberen zweistelligen Teilnehmerbereich. Bei uns in Portugal gibt es aktuell keine sog. 3G-Regelungen mehr. Mary bot mir eine Mitfahrgelegenheit an, aber ich werde nicht teilnehmen. Und ich bin nicht die einzige.

Mein Mann und ich versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. Statt in den Restaurants und Cafés der Umgebung einzukehren, fahren wir ein bisschen weiter weg. Erkunden das sehenswerte Umland unserer Wahlheimat. Peter hat über zwanzig Jahre als Schauspieler in der Filmbranche gearbeitet und mehr als ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen, müssen. Wenn man mich fragt, warum ich denn so allergisch auf das Fotografieren reagiere, antworte ich halb im Scherz, halb im Ernst: “Ich bin inkognito hier, ich arbeite für das Diplomatische Corps.”

So manch erstauntes Gesicht wäre ein Foto wert … ;-)

© Solandra 2022-03-23

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