Fragende Verwirrung

REXOS

von REXOS

Story
1990 – 2010

Wie jeder Tag begann er mit einem müden Erwachen. Die Tage zogen sich endlos hin, grau und trostlos, gefangen im immer gleichen Trott. Die leisen Schreie der einfachen Leute wurden überhört, denn jeder wusste: Wer etwas wollte, musste es sich selbst nehmen, musste kämpfen.

Also rappelte ich mich auf, hob mein Haupt und steuerte direkt auf die Küche zu. Dort schnappte ich mir ein Glas. Mit der Würde eines Königs stolzierte ich zu meinem Nachbarn, riss seinen Kühlschrank auf und holte mir meine Milch. Ja, die köstliche Milch, die mir zustand!

Er hätte sie mir niemals freiwillig überlassen. Doch glücklicherweise ahnte er von alldem nichts, da er noch seelenruhig auf dem Sofa zwischen seinen Brotkrümeln schlummerte.

Die Milch füllte mein Glas – und mein Herz – mit purer Hoffnung und Macht. Als der letzte Tropfen aus der Flasche quoll, genoss ich diese kühne Tat noch tausendmal mehr. Der letzte Schluck war der köstlichste.

Sanften, ehrwürdigen Schrittes verließ ich seine Wohnung, um dann die Tür hinter mir krachend ins Schloss fallen zu lassen. In meinem eigenen Reich angekommen, schleuderte ich das leere Glas achtlos in eine Ecke, sprang in meine Klamotten und machte mich auf den Weg zur Arbeit. Unmotiviert, aber seltsam fröhlich.

Wie jeden Tag nahm ich Platz auf meinem Bürostuhl und wartete. Acht Stunden und dreißig Minuten des Wartens vergingen, dann stand ich auf und ging nach Hause.

Am Abend stand sie plötzlich da. Ich hatte sie nicht erwartet. Und ehrlich gesagt, ich wollte sie auch gar nicht bei mir haben. Trotzdem war sie da und klopfte beharrlich an meine Tür.Jeden einzelnen Tag erwartet sie von mir bedingungslose Liebe und Zuneigung. Im Gegenzug? Darf ich ihre Hinterlassenschaften entsorgen und ihr Chaos beseitigen? Manchmal frage ich mich, ob das alles wirklich für die Katz ist.

Schließlich durfte sie rein, ja, sogar in mein Bett. Eigentlich durfte sie überall hin, nur die Dusche mied sie konsequent. Als dann mein halbes Gesicht voller Haare war, wurde mir einiges klar: Ich war definitiv nicht allergisch. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Aneinanderkuschelns schliefen wir schließlich ein.

Am nächsten Morgen stand ich da, wusste zwar wo ich war, aber was zur Hölle das alles sollte, stand in den Sternen. „Marry Me“, schrieb plötzlich ein Flugzeug in der Ferne in den Himmel.

Ich dachte, ich träume! Ich war 50, Single und nicht gerade der athletischste Typ. Wer bitte wollte mich da heiraten?Aber das dachte sich wohl nicht nur ich, sondern das ganze Quartier. Selbst meine Mutter rief nicht an, um zu gratulieren – war ihr auch nicht mehr möglich.


Ende.

© REXOS 2025-07-17

Genres
Humor& Satire
Stimmung
Komisch