von Christine Föger
Meine Mutter hatte das kleine Zimmer im ersten Stock schön herausgeputzt. Wenn dieses Gästezimmer hergerichtet wurde, war Abwechslung im Haus zu erwarten. Das mochte ich.
In diesem Fall versprach das einen mehrfachen Nutzen.
Die Ankündigung lautete nämlich: „Frau Tomas kommt!“
In der Stube war die Nähmaschine bereit für ihren Einsatz. Frau Tomas war Schneiderin. Sie kam für ein paar Tage in die Familie, um Änderungsarbeiten zu machen und neue Kleidung zu nähen. Dann zog sie weiter in den nächsten Haushalt. Ihre Arbeit bot eine wertvolle Ergänzung zu all dem, was meine Mutter selbst das Jahr über nähte und strickte.
Die alte Singer-Nähmaschine mit Handrad und Fußantrieb, die sich außerhalb ihrer Betriebszeiten in ihrem Holzverbau versteckte, wurde aus der Versenkung nach oben geklappt. Das Getriebe bekam nicht die letzte, sondern eine frische Ölung und Frau Tomas setzte sich auf ihren Arbeitsplatz der nächsten Tage.
Sie war eine kleine, stattliche Erscheinung, ihre Statur wirkte unerschütterlich auf mich. Das Maßband legte sich geschmeidig um ihren Nacken, wo es wie selbstverständlich den ganzen Tag über blieb. Dann wurde Maß genommen, abgesteckt, geheftet, anprobiert, neu geheftet, schließlich genäht und manchmal auch aufgetrennt. Außerhalb der Mahlzeiten saß die Schneiderin bis abends an der alten Singer, die unter ihrer fachkundigen Bedienung ein zufriedenes Rattern von sich gab. Fast meditativ wirkte das Auf und Ab des Fußantriebes. Mit dem Handrad an der rechten Seite brachte sie Schwung in die Naht. Viele Pausen machte Frau Tomas nicht. Überall in der Stube lagen Stoffe, Nähseide, Schneiderkreide, Stecknadeln, Heftfäden und Nadelpolster. Oft mussten wir zur Anprobe still stehen. Zu meinem Erstaunen durfte die Schneiderin sogar die Stecknadeln zwischen die Lippen klemmen. Ein Erwachsenenvorrecht oder Berufsbonus sozusagen! Gemütlich war es, wenn meine Mutter neben Frau Tomas saß, mit flinken Stichen nähte und die beiden Frauen sich dabei unterhielten.
Ein paar Tage dauerte dieses geplante Durcheinander, dann packte Frau Tomas wieder ihren Koffer. Die Singer-Nähmaschine kam kurzzeitig zurück in die Versenkung. Viele Arbeiten waren erledigt, manches aus den Kleiderkästen unserer Familie war passend gemacht oder rund-erneuert. Wir Mädchen bekamen neue Kleider, genau gleich angefertigt in zwei verschiedenen Größen. So gehörte sich das.
Man verabschiedete sich bis zum nächsten Mal, meine Mutter putzte das Gästezimmer und entfernte alle Spuren dieser Tage aus der Stube. Der Alltag kehrte wieder ein. Es war auch schön, wenn wir zu den vertrauten Abläufen zurückkamen. Dennoch freute ich mich darauf, dass bestimmt bald wieder Besuch ins Gästezimmer einziehen würde. Doch vorerst durfte ich am darauf folgenden Sonntag mein neues Kleid ausführen.
© Christine Föger 2022-12-02