Freiheit – was ist das?

Helmtraud Anzengruber

von Helmtraud Anzengruber

Story

Die Freiheit besuchte einen Gefangenen in seiner Zelle. “Kommst du, um mich zu quälen?“, fragte der Gefangene. “Ich will dich vergessen, fĂĽr mich bist du fĂĽr immer oder fĂĽr lange, lange Zeit verloren! “Was bedeute ich dir?” fragte die Freiheit. “Alles natĂĽrlich” entgegnete der Gefangene. “Deshalb bin ich auch hier, damit du bedenkst, dass ich ĂĽberall sein kann, auch in Gefangenschaft!” erklärte die Freiheit. “Überall”, spottete der Gefangene höhnisch. “Sieh mich an und schau dich um, dann siehst du, was du fĂĽr mich bist!” “Denke nach ĂĽber mich”, sagte die Freiheit und verschwand.

Der Gefangene schrie und tobte. Am liebsten hätte er die wenigen Dinge, die ihn in dieser kleinen Zelle umgaben, zerrissen und zertrümmert! Er war völlig verzweifelt in dieser Enge und Ausweglosigkeit, die nun sein Leben bestimmten. Einmal kämpfte er dagegen an, ein andermal versuchte er dieses, für ihn sinnlose Leben, zu akzeptieren. Er konnte aber seiner Unfreiheit und Verzweiflung nicht entrinnen. Es gab keinen Weg aus dieser Hoffnungslosigkeit.

Eines Tages stand die Freiheit wieder vor ihm und fragte ihn abermals, was sie für ihn bedeute. “Alles, nur du allein machst das Leben lebenswert”, antwortete der Gefangene und begann zu schluchzen. “Ich kann bei dir bleiben”, tröstete ihn die Freiheit. “Ich bin im Herzen und in den Gedanken zu Hause. Nimm mich auf in dein Herz und warte ab, was passiert!”

“So einfach kann das doch nicht sein”, dachte der Gefangene. “Aber ich bin zu allem bereit, ich will es versuchen.“ Ein klein wenig Hoffnung keimte doch auf in seinem Herzen. Er tat, was ihm die Freiheit geraten hatte, er nahm sie auf in sein Herz, und siehe da, sein Denken veränderte sich.

Er entdeckte eine Welt in sich, die er nie gekannt und nie vermutet hatte. Diese Erfahrung machte ihn plötzlich glücklich. Glücklich in seiner quälenden Gefangenschaft. Er begann über sein bisheriges Leben nachzudenken, mit der Freiheit in seinem Herzen. “Ich habe meine Freiheit und die der anderen nicht erkannt und missachtet. Deshalb bin ich immer mehr in meine eigene Gefangenschaft geraten, um schließlich alles zu verlieren!”

Das war eine groĂźe Erkenntnis und gleichzeitig der erste Schritt in die wirkliche Freiheit, die innere Freiheit, fĂĽr die es keine Schranken gibt!

© Helmtraud Anzengruber 2021-05-02