von Leonie Bauer
~ Bitte erst Teile 1 und 2 lesen! ~
Das Töpfchen ist verschwunden. An seiner Stelle steht jetzt ein großer und dürrer Mann. Er hat einen zerrissenen Mantel, sehr lange, schwarze Fingernägel, die an Krallen erinnern, und ein hämisches Grinsen auf dem bleichen Gesicht, das den Blick auf seine spitzen, gelblichen Zähne freigibt. Langsam beugt er sich zu Fridolin hinunter, der sich in seinem Schock keinen Millimeter bewegen kann. „Buh“, haucht der Mann ihm ins Ohr. Das ist der Moment, als Fridolin sich wieder aus der Schockstarre löst. Er rennt laut schreiend Richtung Tür. „Mama! Mama! Mama!“ Fridolin greift nach der Türklinke. Als er versucht, die Tür zu öffnen, bemerkt er, dass die Tür verschlossen ist. Verzweifelt rüttelt er an der Klinke, schreit noch lauter. „MAMA! MAMA! MAMA!“ Doch niemand scheint seine Schreie zu hören. Fridolin dreht sich mit klopfenden Herzen wieder in Richtung des Mannes um. Mit Schrecken sieht er, dass dieser ganz langsam auf ihn zukommt, wobei er nicht seine Beine benutzt, sondern zu schweben scheint. „Niemand wird dir helfen“, bemerkt der Mann in einer unnatürlich hohen Stimme, „Komm zu Papi!“ Fridolin stößt einen weiteren Schrei aus, ein Schrei des nackten Grauens, ein Schrei der Todesangst. Er hämmert mit seinen kleinen Fäusten gegen die Badezimmertür, die sich noch immer nicht öffnen lässt, solange, bis er den kühlen Atem des Mannes unmittelbar hinter ihm in seinem Nacken spürt. Das ist der Moment, an dem er in seiner Panik einfach auf den kühlen Badezimmerfliesen zusammenbricht. Der Mann beugt sich langsam über den leise wimmernden Fridolin, streicht ihm mit einem seiner schwarzen Fingernägel über das Gesicht und haucht, noch immer mit derselben hohen Stimme: „Lass uns etwas Spaß haben, Fridolin“. Das Letzte, was Fridolin sieht, ist eine knochige Hand, die immer näherkommt. Er fragt sich noch, was das alles soll, was der Mann nun mit ihm vorhat, bis er plötzlich einen Schmerzensschrei ausstößt. Der Mann hat seine schwarzen Fingernägel in die Augenhöhlen des kleinen Jungen gesteckt und ist jetzt gerade dabei, ihm die Augäpfel auszukratzen. Fridolins Wimmern wird noch einmal lauter, er macht Anstalten, sich noch einmal zu wehren, doch der kleine Körper hat bereits keine Kraft mehr. „Gleich ist es vorbei. Sag tschüss zu Papi!“, quiekt der Mann, dann beugt er sich noch ein Stück tiefer, beißt dem Jungen mit seinen spitzen Zähnen in den kleinen Hals und lacht, als er das frische, warme Blut auf seiner Zunge schmeckt. Um den Todeskampf des Jungen besser mitansehen zu können, tritt er ein Stück zurück und beobachtet den Fluss aus Blut, der aus der Wunde auf die Badfliesen läuft. Innerhalb kürzester Zeit ist aus dem Körper des Jungen jegliches Leben gewichen. Der Mann steckt die Augen des Jungen in die Tasche seines zerrissenen Mantels, beginnt noch einmal wie verrückt zu lachen und dreht sich dann auf dem Absatz um. Er ist noch nicht fertig für heute. Da ist noch ein kleines Mädchen ein paar Straßen weiter, das er besuchen muss. Noch immer mit einem irren Grinsen auf dem bleichen Gesicht öffnet er das Fenster und schwebt in die Dunkelheit der Nacht hinaus.
© Leonie Bauer 2023-07-22