von Sonja Pistracher
Mein Auto leidet manchmal an einer richtigen Stauballergie. D.h. es verteilt dann den Schmutz, der an ihm haftet, in ekelhafter Manier an die Einzusteigenden, Mitreisenden und Anstreifer. Nach dem verwegenen Muster, das sich dadurch auf seiner Oberfläche zeigt, urteile ich, da steckt ein System dahinter. Vielleicht sollte ich es grau/glatt/matt/glänzend umlackieren lassen.
Es war ein regennasser Tag und die Stauballergie zog sich in Bahnen mit unkontrolliertem Ausdruck über die Windschutzscheibe hinunter bis zu den Rädern. Kein begeisterungswürdiger Anblick. Also musste ich diesem bizarren Aussehen eine automatisierte und ordentliche Waschanlagenfrisur verpassen. Wehren kann sich ja so ein vierrädriges, oft so vermenschlichtes Nutzfahrzeug ja nicht. Zum Glück.
Auf dem Weg zur Waschanlage treffe ich eine liebe Freundin mit ihrer Enkeltochter, so an die fünf Jahre. Wir unterhalten uns und stellen fest, dass wir dasselbe Ziel haben. Bei der langen Anstellreihe ein richtiger Glücksfall für Menschen wie mich, die gerne kommunizieren und nicht einfallslos und handyabhängig im Wageninneren sitzen bleiben. Je näher wir dem Ziel unserer Begierde, den großen roten Walzen und den vielen Wasserfontänen kommen, umso mehr reden wir uns ein, uns doch wieder einmal treffen zu müssen. Die Enkeltochter meiner Freundin, die mir aus unerfindlichen Gründen sehr zugetan ist – zugegeben, ich mag sie auch sehr gerne, doch ich weiß warum; sie ist einfach herzerwärmend mit ihren blonden Locken und ihrer Lebensfreude im Gesicht – , fragt mich plötzlich, ob sie bei mir im Auto durch die Waschstraße fahren darf.
Da nicht wirklich etwas dagegen spricht – außer vielleicht der sorgenvolle und etwas unverständige Blick meiner Freundin – , öffne ich meine Türe und schon fahren wir zu Zweit in die dunkle Höhle des wasserspeienden Ungeheuers ein.
Als die Walzen beginnen zu rotieren und das Auto ruckartig nach vorne bugsiert wird, erkenne ich plötzlich in den Augen des kleinen Mädchens feuchte schillernde Punkte, die sich unvorhergesehen zu kugelrunden Tränen verdichten und ungefragt über die zartrosa Wangen kollern. Natürlich gehe ich sofort von einem Schmerzpotential in irgendeiner Körperregion aus und bin irgendwie hilflos und eingesperrt in das eigene Auto, das wie ein begossener Pudel durch die Waschlanlage rattert. Alle mechanischen Drück- und Abhorchversuche wehrt das nun nicht mehr so entzückende kleine Mädchen ab und schreit nur noch nach ihrer Oma.
Meine Erklärung, dass Oma im nächsten Auto sitzt, aber wir leider jetzt nicht aussteigen dürfen, steigert den Tränenfluss und so nehme ich das überaus traurig wirkende und offensichtlich völlig verstörte Wesen in die Arme und stelle die Frage aller Fragen, die so einem Moment innewohnen: „Tut dir etwas weh?“. Worauf Stille eintritt, das Mädchen vehement verneint und mit Enthusiasmus und klarer Stimme sagt: „Verstehst du das nicht Tante – das sind doch Fürchtetränen“.
© Sonja Pistracher 2020-07-21