von Jenny Richter
Mein geliebtes Herz,
wir gaben uns das Wort.
Für immer.
Für immer und heilsam sollte es sein. Für immer, heilsam und wundervoll.
Wir wollten uns gut tun, während die Welt damit beschäftigt ist, sich weh zu tun. Wir wollten es besser machen. Besser als unsere Eltern. Besser als unsere Großeltern. Besser als alle, die wir kennen.
Wir haben versagt. Ganz elendig. Anstatt uns zu heilen, haben wir uns zugrunde gerichtet. Anstatt uns gut zu tun, haben wir uns kaputt gemacht.
Ich habe dich geliebt. Wirklich geliebt. Von ganzem Herzen. Von der Haarwurzel bis zum kleinen Zeh. Jede Unperfektheit, jede deiner Narben. Ich habe alles gegeben. Ich habe dir MICH gegeben. Ich habe alles versucht. Doch immer wieder lief ich gegen diese Wand. Diese massive Schutzmauer mit ihren gemeinen Verteidigungs- und Angriffsstrategien. Immer wieder habe ich mich in dich eingefühlt, dich verstanden, dich deinen Weg gehen lassen. Und mich immer wieder darin verloren.
Ich war immer an deiner Seite. Stand immer in deinem Feuer. Habe mich immer wieder für dich verbrannt. Wo warst du, mein Herz?
Nun ist es zu spät. Der Schmerz sitzt tief, doch ich weiß, es ist vorbei. Ich musste gehen. Musste dich wegschicken. Und wenn ich dich jetzt sehe, sehe ich immer wieder, wie sehr ich dich lieb(t)e und wie sehr wir nicht zusammen sein können. Unsere Welten sind so verschieden, unsere Werte so gegensätzlich, unsere Ziele so kontrovers und unsere Wunden so tief. Ich kann deine nicht heilen, und du kannst meine nicht heilen. Wir müssen uns jeder selbst heilen. Ich will mich selbst heilen.
Ich werde dich immer lieben. Tief in meinem Herzen wirst du immer diesen einen besonderen Platz haben.
Für immer.
Ich weiß, mein Platz bei dir wird ein anderer sein. Und genau deswegen muss ich gehen. Denn ich kann und will nicht länger Retter oder Opfer sein. Ich kann und will nicht länger warten. Warten auf etwas, das nie passieren wird. Ich rette mich selbst. Und wer weiß, vielleicht, nur vielleicht, bewirkt meine Rettung auch deine Rettung, weil auch du dich rettest – auf deine ganz eigene Weise.
Und so lasse ich dich gehen. Und wünsche dir, dass du dein Glück findest.
Und ich wünsche mir, dass ich mein Glück finde. Dass ich mein inneres Feuer endlich leben kann, anstatt in deinem zu verbrennen. Dass ich meine Leidenschaft endlich finden, meine Werte endlich leben und meine Visionen endlich umsetzen kann. Weil mich nichts mehr gefangen hält. Kein schlechtes Gewissen und keine Schwermütigkeit. Weil mich mein Leben nicht mehr langweilt und ermüdet. Sondern weil ich MICH endlich wiederfinde. Und damit auch dich endlich so sehen und lieben kann, wie du wirklich bist.
Für immer.
© Jenny Richter 2025-06-01