von Bernd Schreiber
So ein Tag, so wunderschön wie heute…, ja wirklich Leute, der ist des Wahnsinns fette Beute: Es ist wahr, heute werd‘ ich siebzig Jahr!
Und der Wahnsinn ist: Ich fühle mich völlig unverändert, genauso wie früher mit 20, fit wie ein Turnschuh. Gut, wie ein bereits lange bequem eingelaufener Turnschuh. Gut, auch der erste Gang morgens ins Bad ähnelt mehr dem eines in die Jahre gekommenen Schimpansen, aber das wird im Laufe des Tages besser. Nach irgendetwas bücken war auch schon mal leichter, aber es ist ökonomisch, wenn ich dabei überlege, was ich sonst noch erledigen könnte, wenn ich schon mal da unten bin. Inzwischen denke ich weiter und frage mich, ob ich das überhaupt noch brauche, was runtergefallen ist.
Egal, die Hauptsache ist doch, man bleibt gesund und vor allem geistig fit. Äh, was wollte ich eben noch schreiben? Ah ja, Hauptsache ist, fit im Kopf zu bleiben. Kreuzworträtseln hilft dabei. Wir versuchen gerne, eines dieser schweren Rätsel zu lösen, bei dem man um die Ecke denken muss. Das schult fürs praktische Leben, z.B.: „Marion, möchtest Du nicht ein schönes, kühles Hefeweizen?“ „Hä, ich mag doch kein Hefeweizen!“ „Frag mich mal!“
Oft rätseln wir auch Sonntagabend, was das für ein Tatort-Fall ist, den wir sehen. Wir versuchen ihn zu verstehen, sowohl akustisch als auch inhaltlich. Akustisch ist das schwer, weil die Hintergrundmusik nicht dort bleibt, wo sie hingehört und weil die Darsteller häufig einen Dialekt nuscheln. Inhaltlich ist das schwer wegen der sich für uns verknotenden Handlungsstränge. Wir drücken dann die Pause-Taste und versuchen die Handlung logisch plausibel zusammenzusetzen. Manchmal nickt auch einer überraschend ein. Dann erzählen wir uns nach dem Ende gegenseitig die fehlenden Teile. Das Schönste ist, wenn mindestens einer den Schluss mitbekommen hat. Manchmal wachen wir auch beide erst in der nachfolgenden Sendung auf, dann ist der Film perdu.
Summa summarum geht’s mir gut, ich werde immer weiser und wertvoller. Weiser, weil ich versuche, das Gelassenheitsgebot zu leben. Möge ich die Gelassenheit aufbringen, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Und wertvoller werde ich auch:
Mit jedem Jahresrund mehr Gold im Mund.
Mit Silber im Haar hoff‘ ich auf ein weiteres gutes Jahr.
Auch mit ein wenig Blei in den Füßen tu ich euch trotzdem herzlich grüßen.
Ich lebe mir heute einen schönen Tag. Heute passiert nichts. Aber was ist mit morgen? Morgen werde ich es genauso versuchen.
PS an alle Storyaner: Uns allen kann eigentlich sowieso nichts passieren, denn: Wer schreibt, der bleibt!
© Bernd Schreiber 2022-05-02