Gaumenfreuden

Doris Neidl

von Doris Neidl

Story

Manchmal übertreffe ich mich selbst beim Kochen. Und dann schlecke ich, das muss ich zugeben, den Teller ab. Natürlich nur, wenn ich allein bin. Oder wenn ich bei meinen Eltern bin und meine Mutter wieder einmal fantastisch gekocht hat. Meine Mutter probiert sehr gerne neue Gerichte aus und kocht dann ganz genau nach Kochbuch oder nach einem der zahlreichen Zeitungsrezepte, die sie sich ausgeschnitten hat. Sie kocht genau nach Anleitung, nimmt aber völlig andere Zutaten. Ich frage mich immer, warum sie eigentlich nach Rezept kocht.

Ich glaube, das mit den KochbĂĽchern habe ich von meiner Mutter geerbt. Mein Hobby war schon immer, KochbĂĽcher zu lesen. Die lese ich am Abend vor dem Einschlafen, und dann freue ich mich die ganze Nacht darauf, was ich am nächsten Tag essen werde. Aber dann mache ich meistens trotzdem wieder Spaghetti. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde das moderne „MaishĂĽhnchen auf Wirsing-Sahne-Häubchen, dazu veganen Blattsalat mit selbst gepflĂĽckten Cherrytomaten“ – Getue ziemlich nervend. Ich stehe da eher auf Hausmannskost. In unserer Familie gibt es ja einen „Ich kann das beste Reisfleisch“-Konkurrenzkampf. Aber ohne anzugeben, meines ist wirklich am besten. Mehr als ein „Ist dir eh ganz gut gelungen“ bekomme ich da von meinen Mitkonkurrenten nicht zu hören. Sehr gut kann ich auch ein BĹ“uf Stroganoff Ă  la Anne nach einem Rezept von Alfred Biolek. Das kann ich wirklich gut.

Also, wenn ich wieder einmal ein wunderbares Reisfleisch mache, muss ich meinen Teller abschlecken. Meinen Vater ärgert das maßlos. „Wie kann man nur so primitiv sein“, meint er dann. Er isst ohnedies total ordentlich. Und wenn die kleine Rosi nicht schön isst und ihr etwas hinunterfällt, sagt meine Schwester zu ihr: „Schau dir den Opa an, wie der schön isst.” Doch danach schlecken wir beide unvorbildhaft den Teller ab. Es ist auch, weil wir die Umwelt schützen und Wasser sparen wollen!

In New York habe ich immer mit verschiedenen Mitbewohnern zusammengelebt. Ich hatte immer GlĂĽck und teilte mir die Wohnung mit netten Menschen. Mit einem Komödianten verstand ich mich besonders gut. Stundenlang saĂźen wir zusammen und redeten ĂĽber Gott und die Welt. Und da vergaĂź ich, als wir einmal gemeinsam zu Abend aĂźen, dass er nicht zur Familie gehörte und schleckte den Teller ab. Er war sprachlos. Wie konnte ich nur! Es war wirklich peinlich. Ich sagte: “Sorry, I forgot that you are not family.” Er antwortete: „Well, I could take that as a compliment.” -„Right. It is“, bestätigte ich schnell.

Ein Jahr später lud er mich, bei einem meiner New York – Besuche, wieder zum Essen ein. Es schmeckte wunderbar. Als wir fertig waren, sagte er nur: „Go ahead!“

© Doris Neidl 2021-07-13