Geschwisterliebe

Gabriele Fürst

von Gabriele Fürst

Story

„Und du bist sicher, dass das funktioniert?“

Ich sah meinen Bruder zweifelnd von der Seite an. Er hatte mich wohl gehört, antwortete aber trotzdem nicht, sah mich nicht mal an. Er schien sich seiner Sache sicher zu sein. Sonst neigte er eher zu höchst wortreichen und langatmigen Erklärungen, wenn er nicht nur seine kleine Schwester, sondern vor allem sich selbst von der Wichtigkeit oder Notwendigkeit einer Sache oder seines Tuns überzeugen zu müssen glaubte.

Nicht, dass es in Bezug auf mich notwendig gewesen wäre; ich bewunderte ihn uneingeschränkt ob seines Mutes bei der Umgehung elterlicher Verbote, seiner Stärke im Umgang mit Gleichaltrigen, meist allerdings Größeren – er war eher klein für sein Alter – und am meisten für seine Unverfrorenheit, mit der er sich aus den brenzligsten Situationen heraus schwindeln konnte.

Wir saßen nebeneinander auf dem obersten Treppenabsatz unseres Elternhauses, wie meistens uns selbst überlassen, wenn unsere Eltern arbeiteten.

„So, Kurze, du gehst jetzt hinunter in die Küche und kommst erst wieder, wenn ich dich rufe!“

„Och, warum, ich will doch sehen, wie du das machst.“

Es war warm und sicher neben meinem großen Bruder. Und auch aufregend. Ich wollte nicht weg.

„Dann ist es doch keine Überraschung mehr, komm, geh nur!“

Ich hüpfte selig die Treppenstufen hinunter. Unfassbar! Mein Bruder hatte sich eine Überraschung für mich ausgedacht. Ich war so gespannt. Kurz überlegte ich, ob es vielleicht eine Wiedergutmachung werden würde. Durchaus möglich, nach der Standpauke über den Umgang mit kleinen Schwestern, die unser Vater ihm gehalten hatte, nachdem er mich zum wiederholten Mal über eine der kleinen Bosheiten seines Sohnes schluchzend hinter dem Schuppen gefunden hatte. Vielleicht auch nur ein neues Spiel aus Langeweile? Egal! Ich war überzeugt, es war die endlich wahr werdende reine Bruderliebe. – -„Komm, Gaby, mach schnell, beeil dich!“- -Er stand auf der obersten Stufe und strahlte mich an. Drei Stufen weiter unten steckten im Handlauf des Treppengeländers zwei Stecknadeln und darauf lag ein 2-Pfennig-Stück! Vergleichbar mit 2 Cent heute, aber ein Fünftel meines damaligen Wochentaschengeldes.- -„So, du stellst dich jetzt vor mich, zwei Stufen tiefer und ich bleibe hier stehen. Ich zähle bis drei und dann versuchen wir beide, die zwei Pfennig zu erwischen!“- -Ich liebte ihn, er hatte keine Chance!- -„1, 2 und die letzte Zahl heißt …….. 3!!- -Mein gellender Schrei schallte durchs Haus. So sehr ich auch die Hand schüttelte, die 2 Pfennig klebten Daumen und Zeigefinger der linken Hand, mit der ich zugegriffen hatte, zusammen. Die über einem Feuerzeug erhitzte Münze hatte sich tief in die Fingerkuppen eingebrannt.……Für meine Eltern fand ich eine Erklärung. Ich habe ihn nie verraten. Warum? Ich weiß es bis heute nicht genau. Aus Angst? Nein. Vielleicht, weil ich ihn liebte und es bis heute noch tue.

© Gabriele Fürst 2023-01-12