Gläubiger

Lisa Marie Leiding

von Lisa Marie Leiding

Story

Jetzt liegen wir hier. Am Ende des Tages, am Ende aller Dinge. Kein Himmel über, keine Erde unter uns. Nichts, was uns erwartet, nichts, was uns hält. Deine Fingerspitzen fahren über meinen Rücken und zwicken wie frische Schneeflocken auf meiner Haut. Der Winter naht, und es gibt kein Zurück mehr. Jenseits dieses Zimmers wartet bereits die Kälte auf mich. Beißend, tödlich, wie du. Lässt alles sterben, was zu schwach zum Leben ist, und hüllt die Welt in eine Decke der Stille und Einsamkeit. Dort fühle ich mich wohl, dort kenne ich mich aus. Die Augen geschlossen, das Herz ausnahmsweise fest im Griff, spüre ich, wie du die Sommersprossen auf meinen Schulterblättern zu zählen versuchst, ein unendliches Meer aus Sternen am Himmelszelt. Ich sehe, wie sie sterben. Immer und immer wieder. Dein Atem auf meiner Haut als du dich herunterbeugst und deine schmalen Lippen auf meine Wirbelsäule presst. Der Qualm deiner Zigarette kriecht meinen Körper hinab, dringt in jede Pore, so wie dein Gift es immer tut, wenn wir beieinander sind, bis er an der kleinen Kuhle oberhalb meines Steißbeins angelangt ist, und es federleicht berührt. Ein Hauch, ein Kuss, das Kreisen eines Fingers um die Stelle, die du so sehr liebst. Liebe ist kein Wort für uns. Liebe ist für Versager, hast du mir stets versichert, bevor sich eine Hand um meinen Hals gelegt hat. Du wolltest mich nie, und doch wolltest du, dass ich nur dir gehöre. In deinen Augen lauert kein Abgrund, nur der Tod. Aber was nützt mir der Tod, wenn ich dir längst verfallen bin? Was nützt mir dein brennender Blick, wenn mein Herz längst erfroren ist? Kein Blut in meinen Adern, keine Träne in meinen Augen. Kein Herz, das du unter dem Absatz deines Schuhs zertreten kannst. Wonach hast du gesucht? Was haben deine Augen gefunden als ihr Blick mich zum ersten Mal streifte? Du hattest Alles, und dann das Meiste von mir. Ich hatte Manches, und nun nichts von dir. Deine Fingerspitzen fliegen seltsam sacht über meine Wange, streichen eine pechschwarze Strähne aus diesem Gesicht, das friedlich und still daliegt. Du bist gar nicht da. Ich stelle mich schlafend, wie immer, wenn du mich auf diese Weise berührst, als wäre ich dein kostbarster Besitz. Als gäbe es etwas, abseits dieses Schlafzimmers, jenseits der bodenlangen Fenster, diesem Käfig aus Glas, hinter den flimmernden Lichtern der Stadt. Einer Stadt, die niemals schläft. Ich kann es ihr nicht verübeln. Als gäbe es etwas, das uns beide verbindet. Etwas außerhalb unserer Welt aus Asche und Verfall. Dein Daumen verharrt an meinen Lippen, fährt langsam darüber, spielt mit mir. Ich würde es nicht anders von dir erwarten. Dein Atem prickelt auf meiner Haut, ein Knurren schleicht meine Kehle hinauf. Da ist er, der Kick, den du bekommst, wenn sich mein Unterkörper gegen deinen Schritt, mein Oberschenkel zwischen deine Beine presst. Der gleiche Kick, der dich erfüllt, wenn dein Handrücken meine Wange trifft. Das ist sie, nicht wahr? Deine Absolution, des Teufels Himmel. Denn der Teufel bekommt immer, was er will. Ich hätte fliehen können, als ich noch die Chance dazu hatte. Als mein Schmerz noch Grenzen kannte, und mein Verstand einen Ausweg. Hass mich, lieb mich, zerstör mich, wenn du kannst. Denn ich werde es versuchen. Immer und immer wieder, solange du atmest, neben mir. Bis mich jemand von dir befreit. In deinen Augen lauerte kein Abgrund, nur der Tod.


© Lisa Marie Leiding 2023-07-22

Genres
Romane & Erzählungen, Spannung & Horror
Stimmung
Emotional, Mysteriös, Dark
Hashtags