Gold Digger

Milena Schlinke

von Milena Schlinke

Story
Türkei 2019

Hier falle ich nicht auf. Vor allem die Haarfarbe interessiert nur wenige und sofern man in Bezug auf Dating keine festgelegten Präferenzen hat, noch weniger. Es gibt aber Länder, da falle ich auf. Blond ist Gold, vor allem für junge Kellner in einem Hotel in der Türkei ist es wie eine Droge, die anscheinend mehr auslöst, als sich junge Mädchen vorstellen können.

Sinan ist sowas von süß. Es sollte nicht erlaubt sein, wie er lächelt und schaut, die Zähne so weiß, die Haare so dunkel. Seine ruhige Ausstrahlung passt zum Äußeren. Er deckt gerade Tische auf, als ich aus dem Pool steige. 33 Grad, Sonnencreme, neuer Bikini, leichte Bräune. Er beobachtet mich und ich ihn. Er lächelt. Ich muss an der Stelle festhalten: Ich will gar nichts. Flirten – ok, alles andere – interessiert mich nicht.

Ein anderer Kellner, anscheinend mit Namen Hüseyin, kommt auf Sinan zu und boxt ihn leicht gegen die Schulter. Sinan nickt. Hüseyin beginnt auf Sinan einzureden, während ich mein Handtuch auf einer Liege platziere. Und ja, ich kann Türkisch verstehen. Nicht alles, aber einiges. Zu bemerken ist: Hüseyin ist ein mit Vorsicht zu genießender Mensch. Vor allem meine Haare haben es ihm angetan. Ich sitze mit dem Rücken zu ihnen und höre still zu. Sinan antwortet immer wütender, wehrt ihn ab, er müsse jetzt seine Arbeit erledigen. Hüseyin lacht in sich hinein und geht seiner Wege. Ich drehe den Kopf nach rechts bis sich Sinan in meinem Blickwinkel befindet und nicke ihm zu. Er soll wissen, dass ich es zu schätzen weiß, dass er mich verteidigt. Obwohl er mich nicht kennt, obwohl er nur Beobachter ist. Er erwidert die Geste nicht, wendet sich ab. Ich bin etwas verwundert.

Ein paar Stunden später schwitze ich so sehr, dass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. In der prallen Sonne einzuschlafen ist nicht so toll. Ich brauche erst einmal was zu Trinken, raffe mich auf, ziehe mein Strandkleid über und mache mich auf zur Bar. Auf meinem kurzen Abstecher zur Toilette kommt mir jemand entgegen. Natürlich Hüseyin. Ich würde vielleicht unterstellen, dass er vor der Toilette gewartet hat. Er mustert mich, streift über meinen Arm und versperrt mir den Weg, in dem er sich mit der Hand an der Wand über mir abstützt. Gerade, als ich mich befreien möchte, kommt Sinan um die Ecke. Er bleibt erschrocken stehen, inspiziert uns, versucht herauszufinden, was passiert. Ich fasse mir instinktiv an mein Herz als ich Sinans Gesicht sehe und hoffe, er deutet es richtig. Hüseyin sieht ihn verstohlen an und lässt von mir ab aber so, als ob davor etwas Bedeutsames geschehen wäre. Sinan geht. Hüseyin krächzt ihm „Eifersüchtig!“ nach, doch Sinan dreht sich nicht mehr um.

Während ich auf der Toilette sitze, wird mir klar, dass mich Hüseyin nicht will, weil ich so ein toller, lieber Mensch bin. Er will mich, weil Gold Gold ist. Sinan macht sich ernsthafte Sorgen um mich, glaube ich, und hat Angst, dass ich eine von jenen Mädels bin, die Ja und Amen zu allem sagen. Muss ich echt mit ihm sprechen, um ihm zu sagen, dass nichts passiert ist, dass ich ihn mag und wir in Ruhe weiter Blicke austauschen können? Obwohl ich in neun Tagen Nachhause fliege und niemals was aus uns wird? Woher kommt das schlechte Gewissen denn? Es wird Zeit, dass meine restliche Familie endlich ankommt.

© Milena Schlinke 2023-09-15

Buchkategorie
Romane & Erzählungen, Biografien
Stimmung
Herausfordernd, Reflektierend, Angespannt
Hashtags