von Marianna Vogt
«Mama», Nina stand neben der Mutter an der Spüle. Sie schaute zu ihr hoch: «Mama, am Freitag muss ich eine goldene Kugel in den Kindergarten bringen.«Wozu brauchst du sie, mein Schatz», fragte die Mutter neugierig und strich ihr vorsichtig über den Kopf.«Diese Woche spielen wir Froschkönig und ich darf die goldene Kugel in den Brunnen werfen. Vielleicht bringt mir ein Prinz die Kugel vom Brunnenboden. Ich wollte doch schon immer in einem Schloss wohnen, Mama.» Sie klatschte in ihre kleinen Händchen und grinste spitzbübisch.
Nina liebte Märchen abgöttisch. Jeden Abend vor dem Einschlafen, musste die Mutter ihr ein Märchen erzählen, ansonsten gab es immer ein riesen Theater.
Frau Sorgsam, die neue, junge Lehrkraft war sehr engagiert und gestaltete den Unterricht unterhaltsam. Jede Woche spielten sie ein anderes Märchen und besprachen es im Detail. Einmal spielte Nina die Gretel und streute Schokoladenkekse anstelle von Brotbrocken auf den Weg. Ein anderes Mal war sie die Grossmutter der sieben Geisslein. Das war auch eine echte Herausforderung, eine Perücke mit grauen Haaren für einen sechsjährigen Kinderkopf zu bekommen. Nina gefiel das Verkleiden und das Theaterspielen und so war ihr die Hauptrolle auf sicher. Als sie Rapunzel spielte, stand sie beim Laufen auf ihr langes Haar und verlor die Perücke. Nina war die Lachnummer des Abends. Andere wären vor Scham am liebsten in den Boden versunken. Nina fand es lustig, setzte sich auf den Boden und lachte mit den Zuschauern mit. Eine Nina Langstrupf eben! Wie sagt man noch? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Gene hatte sie wohl von ihrem Grossvater geerbt, er war ein ambitionierter Schauspieler.
Nina ging in den Kindergarten und die Mama überlegte, wie sie so schnell eine goldene Kugel organisieren konnte. Sie rief Tabea, ihre beste Freundin, an. Tabea hatte Dekorationsgestalterin gelernt und übte diesen Beruf noch immer mit großer Leidenschaft aus. Kaum hatte sie ihr Problem geschildert, hatte Tabea bereits die Lösung: «Geh in einen Bastelladen. Kauf eine Kugel und goldene Farbe. Dann sprayst du diese an und voilà – die Goldkugel ist gebacken!», lachte Tabea.«Du bist ein Genie, das ist die Lösung», erwiderte die Mutter überglücklich.Sie besorgte geschwind Kugel und Farbe und machte sich ans Werk.
Tags darauf, beim Frühstück, lag Ninas goldene Kugel auf dem Teller. Nina war außer sich vor Freude. Sie brach keinen Bissen herunter und packte die Kugel achtsam in ihre Znünitasche.Die Mutter drückte sie beim Abschied fest an sich und wünschte ihr viel Glück.
Als sie von der Schule nach Hause kam, strahlte Nina.«Na Nina, konntest du den Frosch küssen?», fragte die Mutter neugierig.«Der Frosch hat im Brunnen die Kugel geküsst und ist als Prinz aus dem Brunnen gestiegen. Schau, Frau Sorgsam hat von uns beiden ein Foto gemacht.» Nina streckte voller Stolz ihrer Mutter das Polaroid Bild entgegen.
Titelbild: Froschbrunnen Gönhardschulhaus Aarau
© Marianna Vogt 2022-05-19