von Maya Heydthausen
Ich bin geboren und aufgewachsen in Berlin. Groß geworden zwischen dem Flair von hellen Altbauwohnungen und einer gewissen Trostlosigkeit von mit Graffiti besprayten Neubauten – ein Kontrast, der mir erst auffiel, als ich Berlin verließ und wiederkam. Als ich klein war, war ich davon überzeugt, Graffiti sei hässlich, würde die Schönheit zerstören, genauso wie kaputte Bürgersteige und vor sich hin bröckelnde Fassaden.
Heute weiß ich vielmehr als ich damals wusste. Heute bin ich davon überzeugt, dass Graffiti schön ist. Für mich ist es inzwischen viel mehr als Straßenkunst, die in meiner Heimatstadt meist eher willkürlich erscheint. An den meisten Straßenecken sind es nur irgendwelche Schmierereien von alkoholisierten Jugendlichen oder Erwachsenen, die nach einem kleinen Adrenalinkick suchen, dann aber doch nicht von der Polizei erwischt werden. Mit dem Älterwerden wurde Graffiti für mich vor allem das Gefühl davon, in einer Großstadt erwachsen zu werden, alle ersten Male hier zu erleben – von Alkohol, nachts wegbleiben, auf Konzerte und Partys gehen über sich verlieben und verlieren. Das erste Mal so richtig zu verstehen, dass das Leben nicht nur schön ist und zu erfahren wie es ist, von der dunklen Seite eingeholt zu werden.
Graffiti ist, zu begreifen, dass Schönheit nicht von etwas Äußerem kaputt gemacht werden kann, zu begreifen, dass darin – in den schlechten Seiten, die mit den guten Seiten kollidieren – erst die wahre Schönheit aller Dinge liegt. Und dass alles auf seine ganz eigene Weise schön sein kann – wenn man es denn lässt und nicht voreilig über etwas urteilt, das man noch gar nicht richtig verstanden hat.
Graffiti ist rebellisch, ist die Norm zu hinterfragen und Grundsätze zu kritisieren, ist Ausbrechen aus einer Realität, die immer noch zu viele exkludiert und die Sinnhaftigkeit nicht einmal infrage stellt, obwohl Fragen stellen inzwischen Normalität sein sollte.
Graffiti ist, mit Homers Odyssee im Nachtbus zu sitzen, der nach Erbrochenem riecht und auf einem Ohr traurigen Rap zu hören, der davon handelt, den Schmerz zu betäuben und Träume zu ertränken, während meine eigenen Träume doch gerade erst beginnen, scharf zu werden.
Graffiti ist, auf dem Weg nach Hause in der S-Bahn noch schnell ein paar Verse zu schreiben, weil ich am meisten fühle, wenn ich draußen bin und das Leben spüre – nicht nur vorbeiziehen sehe – denn ich kann nur aus Gefühlen schreiben, aus Inspiration, die durch meine Adern fließt und mich für den Moment elektrisiert.
Ich wünschte, ich könnte für immer hier bleiben – gefangen zwischen Romantik und Verlassenheit, zwischen Schönheit und Schmerz – in meiner Blase des Erwachsenwerdens, in der nichts anderes zählt außer einer Tonne Dynamit an Gefühlschaos, das mich immer wieder aufs Neue antreibt, meine Schreibmaschine auszupacken.
© Maya Heydthausen 2022-08-28