„Als man Mama endlich besuchen konnte, war sie in ihrer eigenen Welt. Saß im Bett und fauchte die Wand an, während sie ihre Finger ausfuhr wie Krallen. Schon vor einer Weile hatten Traumata aus der Kindheit sie eingeholt. Wen oder was sah sie jetzt?“ Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel „Achterbahn“, zu finden in meinem Buch 17 JAHRE DEMENZ – So long, liebe Mama. Es beschreibt den Zustand meiner Mutter im Sommer 2020, nach dem Wechsel in die stationäre Pflege. Zu diesem Zeitpunkt bestimmte bereits die Vergangenheit ihre Gegenwart. Immer wieder hatte sie von früher erzählt, nach ihren Eltern gefragt. Man merkte, dass sie mit etwas haderte. Nun brach es sich Bahn.
Gut einen Monat, nachdem ich mein Buch veröffentlicht habe, denke ich erneut über Mamas Traumata nach. Auslöser ist der Roman STAY AWAY FROM GRETCHEN. Eine unmögliche Liebe. Die Autorin Susanne Abel lässt hier Erfahrungen mit der Demenzerkrankung ihrer Mutter einfließen. Demenz ist Thema und Aufhänger zugleich. Thema, weil Tom Monderath damit konfrontiert wird, dass seine Mutter Greta dement wird – und dabei das ganze Wechselbad der Gefühle erlebt, mit dem auch ich schon Bekanntschaft gemacht habe. Aufhänger, weil die Erkrankung die Brücke schlägt zu einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte: zu Krieg, Flucht und einem Schicksalsschlag, der die Folge von Rassismus und Ausgrenzung ist.
Während ich eintauche in die Erlebnisse von Greta, merke ich, dass die Romanfigur und meine Mutter mehr gemeinsam haben als die Demenzerkrankung und manche ihrer Begleiterscheinungen – von Floskeln, mit denen sie Verwirrung maskieren, bis hin zum Schreiben von Notizzetteln. Denn auch Mama hat den Zweiten Weltkrieg erlebt. Auch sie musste fliehen, mit wenigen Habseligkeiten, den Großeltern im Schlepptau und ihrem Bruder, der noch ein Baby war. Ihr Weg führte von Schlesien nach Würzburg. Wie Greta kam auch meine Mutter auf einen Bauernhof, während ihr Vater in Kriegsgefangenschaft war. Sie war nicht willkommen, berichtete von Ablehnung und Ausgrenzung, die sie als Flüchtling erfahren hat. Davon, dass sie Bucheckern sammelte, um karge Mahlzeiten aufzubessern. Von amerikanischen GIs, die Kaugummi verteilten.
Ich kenne zwar die Eckdaten, doch eigentlich geht es mir wie Tom, der irgendwann ahnt: Da gibt es noch mehr. Als Kind habe ich die Trauer meiner Großmutter gespürt, die ihre Heimat vermisste. Oma blühte auf, wenn sie von Breslau und ihrer Zeit als Schauspielerin am Theater erzählte. Vom Krieg sprach sie kaum. Ich hakte nicht nach, weil ich merkte, dass das Eis dünn und die Wunden tief waren. Heute frage ich mich: Was hat die Familie auf der Flucht erlebt? Was davon hat meine Mutter mitbekommen? Wie hat das Trauma ihrer Mutter auf sie abgefärbt?
Der Kreis schließt sich. Ich kehre zurück zur Frage aus meinem Buch und wage es nicht, mir die Antwort auszumalen. Stattdessen lege ich dir GRETCHEN ans Herz, wenn du den Roman noch nicht gelesen hast. Zum einen, weil die Themen darin noch immer erschreckend relevant sind und es gut ist, sich dies bewusst zu machen. Zum anderen, weil Susanne Abel ein für mich absolut stimmiges Bild von Demenz zeichnet und so einen wichtigen Beitrag zum Verstehen der Krankheit leistet.
© Christine Piontek 2025-03-26