von Sandra Neumüller
Diese Geschichte ist die Fortsetzung eines Elterngesprächs, dessen Durchführung sich als schwieriger als gedacht herausstellte. Es gibt Eltern, die sich am Telefon furchtbar aufregen und es gibt jene, die alles auf die leichte Schulter nehmen und dann gibt es noch „spezielle“ Eltern:
Als ich es endlich geschafft hatte, nach der Namensverwirrung meines Gegenübers am Telefon einen Termin für ein Elterngespräch zu vereinbaren, war ich schon sehr gespannt auf diesen Vater.
Am Telefon mehrmals, klar und deutlich, Datum und Uhrzeit für das Gespräch wiederholt und notiert, wartete ich auf die Ankunft des Vaters. Er hatte sich einen Termin nach Arbeitsende mit mir ausgemacht, weshalb es schon recht spät war. Als nach längerer Zeit immer noch niemand zu sehen war, rief ich ihn an. Zuerst meldete er sich wie üblich, legte auf und rief zurück. Nach dem üblichen Ablauf der Namensklärung fragte der Vater schließlich, weshalb ich mich so spät noch meldete. Sein Sohn wäre doch schon längst zu Hause. Als ich ihn an unseren Gesprächstermin erinnerte, hatte er sich wohl statt dem 12. des Monats den 21. aufgeschrieben. Zahlensturz. Wir blieben dabei, immerhin war dieses Datum schon richtig von ihm notiert.
Beim zweiten Anlauf kam der Vater wirklich zum Gespräch. Ich fragte zuerst, wie man das so lernt, wie es seinem Sohn zu Hause beim Lernen ginge. Sein Sohn wäre halt so wie er ist, hieß es. Der Apfel fiele nicht weit vom Stamm.
Ich zeigte dem Vater die Mathematikwiederholung seines Sohnes. Sachte wies ich darauf hin, dass dies Stoff des vergangenen Schuljahres gewesen sei und nur als Auffrischung zum Start ins neue Schuljahr gedacht gewesen wäre. Der Stoff würde ja aufbauend sein und es würde schwierig werden, wenn dieser vom letzten Jahr offensichtlich nicht beherrscht würde.
Nach der genauen Betrachtung der mathematischen Aufgaben, die sein Sohnemann eher schlecht als recht gelöst hatte, meinte der Vater: „Na, dass er das überhaupt so hingekriegt hat… diese komischen Schnapperl da hab ich bis heute nicht verstanden!“
Entgeistert hakte ich nach: „Was meinen Sie denn mit Schnapperl?“ Gütigerweise zeigte er als Antwort auf eine Aufgabe auf dem mathematischen Blatt Papier.
Mit „Schnapperl“ meinte er die Größer-als-Zeichen (>) und Kleiner-als-Zeichen (<).
Dieser Mann mittleren Alters, Vater von zwei Kindern, fügte noch erklärend hinzu, dass ihm die Unterscheidung zwischen seinem Vor- und Nachnamen immer noch recht schwer fiele. Er wisse jedes Mal wieder nicht, ob sein Vorname nun sein Nachname oder doch umgekehrt sei.
Schließlich dämmerte es mir. Meinen und seinen Nachnamen, Vor- und Nachnamen, die Zahlen beim Datum, die Telefontasten, die Schnapperl… alles vertauscht! Da helfen wohl auch keine Hilfsmittelchen wie Krokodil und Co., wenn die Schnapperl einfach nicht in die richtige Richtung schauen wollen!
© Sandra Neumüller 2022-04-29