Großvater, konnst du net owakommen ….

MäxLibris

von MäxLibris

Story

„Großvater, konnst du ned owakommen auf an schnell‘n Kaffee, ich möcht dir so viel sag‘n, was ich erst jetzt versteh‘“. Diese Zeilen des Liedes Großvater von S.T.S. begleiten mich nun schon seit meiner Teenagerzeit und haben auch einen sehr großen emotionalen Aspekt, da ich mich leider viel zu früh von meinem Großvater für immer verabschieden musste.

Als Enkelkind direkt konfrontiert mit einem Zeitzeugen der Kriegsjahre, war es natürlich unausweichlich mit diesem für ihn so einschneidenden und lebens-beeinflussenden Thema immer wieder mal konfrontiert zu werden. Natürlich nicht in einer direkten offenen Art und Weise, aber vielfach sehr subtil, wohl auch oftmals unbewusst, mit eingewoben.

Eine etwaige Absicht, diesen subtilen Andeutungen mehr Tiefe zu verleihen, ist auch rückblickend nicht erkennbar. Viel zu behutsam, wurde diese doch wohl vorhandene Grenze niemals überschritten. Oftmals aber waren gerade diese gedanklichen kurzen Ausflüge in diese schreckliche Zeit von sehr widersprüchlichen emotionalen Aspekten begleitet, die damals für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Beinahe verstörend wirkten diese vielfach sehr positiv wirkenden vermittelten Rückblicke auf eine Zeit, die uns seitens des Geschichtsunterrichts in der Schule komplett anders vermittelt wurde.

Verändert die zeitliche Distanz tatsächlich die erlebte Realität, oder spielten hier andere Faktoren eine beeinflussende Rolle? Aus heutiger Sicht betrachtet, ausgestattet mit viel mehr Jahren an Lebenserfahrung klärt sich zunehmend mein Bild darüber. Es lässt mich klar erkennen, auch wenn ich mich nie professionell mit psychologischen Themen auseinandergesetzt habe, dass hier definitiv ein ganz besonderer Verarbeitungsmechanismus am Werk war. De facto also ein Programm des Selbstschutzes hier konsequent Regie führte.

War es doch auch Aufgabe dieses Programmes, einer um alle Träume und Visionen beraubten Generation einen versöhnlichen Abschluss zu ermöglichen und so positiv motiviert und zuversichtlich in die Zukunft zu schreiten. Dies alles ringt mir eine unglaubliche Achtung ab und lässt mich angesichts der für mich nicht nachvollziehbaren mentalen Stärke mit einem Kloß im Hals sehr nachdenklich zurück.

Diese unvorstellbare mentale Kraft die hier ihre Wirkung zeigte, lässt auch mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, dass in dem Bewusstsein eines enormen in uns schlummernden abrufbaren Potenzials, wir unsere Zukunft gestalten können, egal wie schlecht die Voraussetzungen dafür auch sein mögen.

Am Abend dann, wenn uns in den Nachrichten in medial schlagzeilentauglichen Kurzreportagen all die Widrigkeiten der Jetztzeit nahegebracht werden, überkommt mich so ab und an ein Gedanke der mich zurücklehnen und mit einer Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit im Geist sagen lässt: „Großvater, magst du nicht runterkommen auf an schnell’n Kaffee, ich möchte dir so viel sagen, was ich erst jetzt versteh!“

© MäxLibris 2020-04-24

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