von Michael Stary
Irgendwie gibt es da immer irgendwas zu heilen. Da stellt sich mir die Frage, ob das nun wahr ist oder nicht? Von außen betrachtet könnte es ein persönliches, fast obsessives Hobby meinerseits sein, die tiefen Gründe des Lebens (und Sterbens) zu erforschen. »Ist es wirklich notwendig, immer alles zu hinterfragen?« meint mein lieber, rationaler Vater eines Tages im Gespräch. Warum es mir so ein Anliegen ist, hinter die Kulissen des so genannten ‚normalen‘ Lebens zu blicken hat natürlich seine Gründe. Es gab multiple Totalausfälle. Am Rande des Wahnsinns gekratzt, manchmal sogar mitten im Auge des Hurricanes gebadet. Immer extremer. Meine Normalität. Hochphasen und Tiefpunkte. Leben halt. Eines von vielen. Nicht hervorzuheben. Und trotzdem ein Wunder. Das Leben selbst und dass ich überlebte.
Als ich Gott als Kind grantig und verzweifelt abschwor, nachdem meine angsterfüllten Gebete, kniend am Abend vor dem Bett, nicht erhört wurden, dass er bitteschön dafür sorgt, dass sich meine Eltern im Wohnzimmer nicht ständig die Köpfe einschlagen und sich wieder vertragen, gab ich indirekt meinen Glauben an das gesamte Leben, die ganze Schöpfung, ab.
Der Kampf begann.
Rückverbindung suchte ich auf allen, erdenklichen Ebenen. Ab einer gewissen Reife (reine Auslegungssache), über Frauen und Beziehungen. Ich wollte heilen, was vor mir nicht möglich war. Nahm eine Aufgabe auf mich, die viele Nummern zu groß war. Ciao Kindheit und Jugend! Das Bilderbuch wurde damals zugeklappt.
Letztens, am weiten, tiefblauen Ozean stehend, den ich von einem hohen Felsen betrachte, möchte ich springen. Immer schon reizen mich hohe Felsen und der mit Adrenalin versehene Hüpfer ins Wasser. Zwei Drittel Wasser auf der Erde. Zwei Drittel Wasser im Menschen. Es geht noch weiter: Männer generell haben diese Affinität, dem Ozean in allen Lagen so wieder näher zu kommen. Risiko inklusive. Vielleicht die Erinnerung an das weiblich, vorgeburtlich Geborgene? Alleine das Rauschen unter Wasser und der sanfte Eigendruck von Flüssigkeit beruhigt mein System im Moment. Frauen sind der Quell des Ursprungs von Leben. Wir stiegen einst aus dem Ozean. In welcher Beziehung auch immer findet genau diese Rückverbindung statt. Vorausgesetzt, alles, wirklich alles, kann und wird in Beziehung gesetzt. Wellen der Erleichterung.
Diesen, immer wieder neu entdeckten, Glauben gab ich damals unbewusst ab. Der liebe Gott musste dafür herhalten. Der kennt das. Über 35 Jahre sollte es dauern, dass just an dieser Küste, von der Insel der Götter, die so einfache Erkenntnis in mich einströmt und wieder einen tiefen Frieden für alles Gewesene aufsteigen lässt. Alte Wunden beobachtend ist diese Kraft des Lebens so viel stärker. Unerschütterbar und doch so verschüttet. Graben lohnt sich. »Der Mensch besteht aus zwei Dritteln Wasser, der Rest ist Einstellungssache« meint Tobias Beck.
So fand mich auch das Gebet wieder und Gott und ich starteten eine neue Beziehung.
© Michael Stary 2020-09-25