von Josef sultani
„Vermisst du deine Heimat manchmal?“, fragt mich Melly. Ich hatte sie zum Essen eingeladen. Meine Freundin hatte ein Gericht aus ihrer Heimat zubereitet: Momo´s, für Melly extra ohne Fleisch. Und ohne Chili. Ich dachte kurz über ihre Frage nach und wusste nicht, wie ich kurz und knapp darauf antworten sollte. Es gibt in Afghanistan Dinge, die ich nie verstehen werde. Dinge, die ich noch nie als richtig oder gut oder in Ordnung empfunden habe, selbst als Kind nicht.
Es gibt viele Dinge in Afghanistan, die ich verurteile. Ich verurteile es, dass Frauen derartig unterdrückt werden. Dass es öffentliche Folter und Steinigungen von Frauen gibt, teils durch die eigene Familie, wenn sie unter Verdacht stehen, außerehelichen Sex gehabt zu haben oder weil sie – noch schlimmer – vergewaltigt wurde. Ich verurteile, dass der muslimische Glaube zweckentfremdet wird und im Sinne der Scharia und im Namen Allahs Menschen aus teils haarsträubenden Gründen verfolgt oder getötet werden. Ich verurteile es, dass es in Afghanistan Tagesehen gibt, die von Geistlichen absurderweise trotz aller sonst gepriesenen Keuschheit toleriert werden. In denen verwitwete Frauen oder Frauen aus sehr armen Verhältnissen eine Ehe für wenige Stunden eingehen müssen, zum Vergnügen der Männer, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Wenn ihr Ehemann stirbt, darf die Frau keinen neuen Mann suchen, sie muss warten, bis jemand kommt und sie heiratet. Sie darf nicht arbeiten, kann sich nicht selbst versorgen, sie ist gezwungen, sich zu Prostituieren, auch wenn es in Afghanistan anders genannt wird. Ich verurteile es, dass Gewalt und Mord an der Tagesordnung steht, dass Andersgläubige, zum Beispiel Christen, verfolgt und getötet werden. Ich verurteile die grausame Tatsache, dass es noch immer Bacha bazi gibt, Buben, die zur Belustigung von Männern in Frauenkleidern tanzen und singen und oft sexuell missbraucht werden. Ich verurteile es, dass viel zu junge Mädchen verheiratet werden, manchmal mit Männern, die ihre Großväter sein könnten. Ich verurteile es, dass es durch den Anbau und dem Handel von Drogen so viele Suchtkranke gibt, die ihre Familien nicht mehr versorgen können, so wie es bei meinem Vater der Fall war.
Aber es gibt auch einen Teil in mir, der seine Heimat sehr vermisst. Ich vermisse die Landschaft und das Essen. Ich vermisse meine Eltern. Und ganz besonders vermisse ich meine Schwestern. Sie waren noch so klein, als ich eines Nachts nur mit den notwendigsten Dingen in der Tasche aus dem Fenster meines Zimmers flüchten musste. Es ist unfassbar schmerzhaft, nicht zu wissen, wie es ihnen geht oder ob sie überhaupt noch leben. Manchmal überkommt es mich, dann fange ich an, im Internet zu forschen. Ich suche nach allem, was in meiner Heimat geschieht, sauge alles auf wie ein Schwamm. Bei jedem Bericht über Drohnenangriffe, Hinrichtungen oder Folter spüre ich eine Mischung aus Verzweiflung und unbändiger Wut in mir aufsteigen. Ja, ein Teil von mir hängt noch sehr an meinem Herkunftsland. Dort habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht. Was dort passiert, lässt mich nicht kalt. Doch ein anderer Teil ist überaus dankbar. Dankbar, dass ich ein neues, sicheres Leben habe. Ein Leben, in dem ich jeden Tag und jederzeit meine Wohnung verlassen kann, ohne Angst zu haben, getötet zu werden.
© Josef sultani 2023-05-23