Heimlicher Hedonismus oder „Das Leben ist schön“

Lisa Winterhalder

von Lisa Winterhalder

Story

Da draußen präsentiert sich mir gerade eine Welt, die ich so nicht kenne. Vor meinen Augen scheint sie in tausend Scherben zu zerbrechen. Die Splitter reißen kleine Wunden in meine Haut. Als meine Angsttränen in sie hineinlaufen, bringt das Salz in ihnen alles zum Brennen. Ich klebe ein Pflaster drauf. Ob’s helfen wird? Ich weiß es nicht. Stattdessen sitze ich hier, versuche meinen Kopf an der Fensterscheibe zu kühlen und das Gedankenkarussell zu bremsen. Gefühlt bekomme ich keine Luft und mein Hals schnürt sich zu. Können wir die Handbremse noch ziehen? Oder reicht es, wenn jeder für sich, erstmal einfach auf die Bremse tritt? Im Fernsehen sehe ich aus der Vogelperspektive, Bilder von ausgebrannten Häusern und schaue in panischdreinblickende, verweinte Augen. Der Pizzabäcker an der Ecke berichtet von steigenden Preisen. Die Risse in der Erde unserer Blumenwiese, sind so trocken wie mein Mund. Dazu trage ich noch eine Maske die mir, bei der kleinsten Anstrengung, die Luft zum Atmen nimmt.

Für mich steht fest: Ich muss hier raus. Die Wände kommen näher, der Boden bebt unter meinen Füßen, ich fühle wie sich die Risse vergrößern und stolper über Stock und Stein.

Da hinten – eine Bank. Ich kann sie schon aus der Ferne sehen. Ich laufe und laufe; immer schneller, um anzukommen. Als mir dieser Gedanke bewusst wird, bleibe ich plötzlich stehen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich versuche meinen Atem zu beruhigen und stütze mich auf meinen Knien ab. Ich atme langsam ein und aus. Und da ist sie plötzlich. Diese Momentaufnahme, dieses Da-Sein im Hier und Jetzt. Ich rieche die frisch gemähte Wiese; fühle die Strahlen der Frühlingssonne, die mein Gesicht kitzeln; höre Hummeln und Wespen summen. Möchte ich wirklich ankommen? Vielleicht ist vielmehr der Weg zum Ziel das Schöne. Denn mit jedem Fuß, den ich vor den anderen setze, geht es weiter vorwärts. Ob ich jemals mit dem Leben Schritt halten werde? Ich möchte das nämlich gar nicht. Ich mag lieber anhalten. Und dann innehalten. Ganz viel festhalten. Und hier bleiben. Im Hier sein. Mittendrin. Ich möchte sie nicht verpassen; all diese kleinen und großen, schönen, einfachen Momente, die sich so verdammt gut anfühlen, auch wenn die Welt da draußen gerade irgendwie zerbricht. Ich mag zu der Musik tanzen, die mir gefällt und ein bisschen im Eskapismus baden. Kopf aus und Herz und Gefühl an. Selbstfürsorge betreiben und mir mit dem, was sich für mich gut anfühlt, wieder Kraft geben. Denn ich möchte, kann und darf mich nicht verlieren, in diesem Wahnsinn des Lebens, der sich in der Welt gerade abspielt. Und vielleicht gibt es gerade nichts Wichtigeres, als genau das, oder?

© Lisa Winterhalder 2022-04-23

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