von Lisa Zauner
Ich stehe an deinem Grab. Die Rose halte ich in meiner Hand. Die Pfarrerin spricht. Ich höre kein Wort davon. Plötzlich kommt Wind auf.„Des muss a besonderer Mensch gwesen sein, wenn der Wind so pfeift“, sagt sie. Es schüttelt mich vor Trauer. Ich sehe in den Himmel. Ich denke daran, wie normal es letzte Woche noch war, dich zu besuchen, als ich von der Autobahn abgefahren bin. Wie der Kinderwagen unter dem großen Nussbaum gestanden ist. Wie ich deine Stöckelschuhe anziehen durfte. Ich höre mich deinen Namen schreien. Man hat dich nie gleich gefunden, wenn man dein Haus betrat. Ich denke an dein Lachen und wie du die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hast, wenn du etwas besonders lustig gefunden hast.„Lisa, wos gibt’s Neichs?“, fragst du, in der Küche stehend.„Net vü, Oma.”
Ich stehe wieder an einem Grab. Die Rose halte ich in meiner Hand. Es ist keine Pfarrerin da. Aus dem Lautsprecher tönt „Wie a wildes Wasser”. Die Tränen rinnen mir über die Wangen. Ich spüre, wie jemand meine Hand fest drückt. Plötzlich kommt Wind auf. Wieder ein besonderer Mensch. Ich denke an dein altes Schlafzimmer. An dein „Jesus am Ölberg” Gemälde über dem Bett. Ich denke daran, wie du mir noch um zehn Uhr abends Schnitzel gemacht hast, wenn ich nach Hause kam. Ich denke daran, wie wir Karten gespielt haben und deine diebische Freude darüber, wenn du gewonnen hast. Sobald ich das Auto in der Einfahrt abgestellt hatte, war der erste Weg rauf zu dir.„Magst auch an Kaffee, Oma?“Es ist ein herzzerreißendes Gefühl. Dieses Heimweh. Jetzt wo sie gegangen sind, sind wir keine Kinder mehr. Das Ende einer Ära, höre ich bei der Zehrung jemanden sagen.
„Die Jungen san oid worden und die Oiden san gstorben.“ Hubert von Goisern geistert mir durch den Kopf.
Es sind Wochen vergangen. Ich wollte nicht nach Hause kommen. Ich biege in deine Straße ein. Ich biege in die Einfahrt zum Haus ein. Es ist mir unbegreiflich, dass hier niemand mehr ist. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stehe ich in deiner Küche. Sie ist leer. Keine Kaffeemaschine mehr da.
Stunden vergehen. Ich blinzle. Irgendwie bin ich zwei Straßen weiter in dem zweiten, nun leeren Haus gelandet. Ich sitze in deinem Garten. Der Sessel steht noch unter dem Nussbaum. Neunzig Jahre. So viel Lebenszeit. Ich blicke auf deinen kleinen Teich. Sehe die Fische. Wer füttert sie jetzt? Es ist alles so wie du es verlassen hast. Das ist das Schlimmste.
Alles ist noch da. Alles außer dir.
© Lisa Zauner 2022-08-25