von Walter Weinberg
Wegen der vielen InternatsschĂŒler fand ich keine Ruhe in Dachsberg. Ich wollte einfach einmal allein sein. Der Gang zu den Zimmern war versperrt. In der Aula sah ich eine hölzerne Telefonzelle, vor der sich SchĂŒler anstellten, um zu telefonieren. Als ich mich auch anstellte, kam Pater Angleitner auf mich zu, und teilte mir mit: âWalter, die Neuen dĂŒrfen im ersten Monat nicht telefonieren!â Ich verstand nicht, warum das verboten war. Mir kamen die TrĂ€nen, weshalb ich mich noch mehr zurĂŒckziehen wollte. Wieder fand ich keinen Platz, wohin ich gehen konnte, um allein zu sein.
Um 4 Uhr nachmittags begann die Freizeit. Einige SchĂŒler fragten den PrĂ€fekten, ob sie SĂŒĂigkeiten einkaufen dĂŒrfen. Ich war ĂŒberrascht, dass es hier mitten am Land ein GeschĂ€ft gibt. Als Christoph und ich fragten, ob wir auch dort einkaufen dĂŒrfen, sagte Pater Angleitner: âHab ich nicht schon gesagt, dass die erste Klasse im ersten Monat nicht weggehen, und nicht telefonieren darf?â
Als wir um 8 Uhr abends ins Bett gehen mussten, und das Licht abgedreht wurde, musste ich wieder weinen. Ich hatte starkes Heimweh. Ich lag lange wach im Bett, und konnte nicht einschlafen. Ich fĂŒhlte mich, als wĂ€re ich nur hier, weil ich etwas Schlimmes angestellt hatte, wovon ich nichts wusste. Ich hatte das GefĂŒhl, dass ich sehr weit weg von zu Hause war.
Es war wieder Morgen, und der Junge namens Guido zog sich an, obwohl es erst sechs Uhr war. Er weckte den vom Heimweh geplagten âstarkenâ Buben, und fragte ihn, ob er mit ihm in die Kirche gehen möchte. Ich fragte mich, woher er wusste, dass man hier um halb sieben in die Messe gehen konnte.
An diesem Schultag ging der Unterricht richtig los. In Deutsch schrieben wir schon einen Aufsatz, und in Englisch mussten wir bei der blonden Frau schon eine Hausaufgabe abgeben. Guido und ich machten uns uns nach dem Unterricht nĂ€her bekannt, und am nĂ€chsten Morgen ging ich mit ihm in die Kirche. Es war Freitag, und am nĂ€chsten Tag werde ich endlich nach Hause fahren dĂŒrfen. Nach dem Unterricht wurde das Pult wieder kontrolliert, und die Ordentlichsten bekamen wieder SĂŒĂigkeiten von Pater Angleitner, und dieses Mal sogar ich. In der Freizeit erzĂ€hlten Guido und ich einander von zu Hause, und ich wĂŒnschte, ich wĂ€re schon dort.
Endlich war Samstag, und es war soweit: Um viertel nach elf werde ich nach Hause fahren. Wir hatten eine Fahrgemeinschaft zwischen den Eltern der SchĂŒler aus meinem Heimatdorf. Manchmal fuhren wir auch mit einem Lehrer mit, der aus Pollham war. Daheim, als wir beim Essen saĂen, fragten mich meine Eltern, wie es mir in Dachsberg gefĂ€llt. Ich ĂŒberspielte meine GefĂŒhle, und antwortete: âEs geht so.â So wie auf der Karte, die alle am ersten Schultag schreiben mussten, um sie nach Hause zu schicken:
Liebe Eltern, und Geschwister! Es gefĂ€llt mir gut hier in Dachsberg. Das Essen ist auch gut, und das Wetter ist auch recht schön. Mein Klassenvorstand heiĂt Prof. Brigitte Söllinger, und sie ist sehr nett. Ich komme am Samstag heim. Euer Walter!
© Walter Weinberg 2020-08-05