von Yvonne Schauer
Als Langzeit âHerr der Ringeâ-Fan mit tiefstem Respekt fĂŒr Tolkien und die Welt, die er erschaffen hat, kam ich nicht umhin, mir auch die Filmbiographie âTolkienâ anzusehen. Der Film hat mich unfassbar berĂŒhrt, sodass ich auch Wochen spĂ€ter noch mit meinen Gedanken immer wieder dorthin zurĂŒckkehrte. Es waren aber nicht nur Tolkiens Lebensgeschichte, seine Freundschaften und die Art, wie er Inspiration fand, die mich bewegten, sondern auch ein einzelnes Wort: Helheimer.
Helheim bezeichnet in der nordischen Mythologie die Unterwelt, in die all jene kommen, die keinen ehrenhaften Tod gefunden haben. Allerdings gibt es da auch nur eine einzige Art ehrenhaft zu Sterben: als Held im Kampf. Tolkien und seine Freunde kamen ĂŒberein, dass sie wohl keinen Einfluss darauf hĂ€tten, wie sie sterben wĂŒrden, aber sie könnten sehr wohl entscheiden, wie sie leben wollen. Mutig oder feig. Selbstbestimmt oder Fremdbestimmt. Der Schlachtruf â Helheimer!â sollte eine Warnung sein, nicht in ihrem metaphorischen Helheim zu enden, weil sie zu feig waren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Es war die Erinnerung und Herausforderung, fĂŒr etwas zu leben, mutig zu sein, etwas zu bewegen.
â Helheimerâ und die Idee dahinter fand bei mir sofort Anklang und ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht selten hatte ich mich selbst dabei ertappt, gewisse Dinge nicht zu tun, weil mir einfach der Mut dazu fehlte. Oder aber auch, weil ich mir dachte: Ach egal, schauen wir mal. Morgen ist auch noch ein Tag. Oder kurz bevor es ernst wurde: Will ich das ĂŒberhaupt wirklich? Ist mein Leben nicht eigentlich eh okay, so wie es ist? Kurz gesagt, ich war faul, Ă€ngstlich und unentschlossen. Aber auch nicht wirklich glĂŒcklich damit. Da kam mir â Helheimerâ sehr gelegen.
Ich verwende den Ausruf, wann immer ich Mut und Entschlossenheit fĂŒr etwas brauche, und vermeiden will, dass ich es mir selbst wieder ausrede. âHelheimerâ erlaubt keine faulen Ausreden und keine Zweifel. Sobald ich es gesagt habe, weiĂ ich, ich muss die Sache durchziehen. FĂŒr mich selbst. Um meinem persönlichen, metaphorischen Helheim zu entfliehen. Denn ich weiĂ, ich könnte es mir nicht verzeihen, aufgrund von Angst, Unsicherheit oder Faulheit auf meine TrĂ€ume verzichtet zu haben.
Ich teile diese Erfahrung mit allen, die sich ein bisschen mehr Mut wĂŒnschen und denen reiner Gewissenszuspruch nicht ausreicht. Mit allen, die im Herzen groĂe Krieger sind, aber den Kampf gegen sich selbst noch nicht ganz gewonnen haben. Mit allen, die eigentlich genug davon haben, immer nur auf morgen zu warten.
Angst vor einer VerĂ€nderung? Helheimer! Zweifel, ob es die richtige Entscheidung ist? Helheimer! Du weiĂt, dass du dieses Buch, diese Geschichte, diesen Text schreiben willst, aber irgendetwas hĂ€lt dich davon ab? HELHEIMER! HELHEIMER! HELHEIMER!
© Yvonne Schauer 2021-11-24