von Doris Neidl
Neulich in der U – Bahn musste ich plötzlich laut lachen, als ich ein Buch gelesen habe. Eigentlich war das Buch traurig, über die mühevolle Reise eines flüchtenden Menschen, doch diese eine Szene war wirklich lustig. Ich lachte. Zwei älteren Damen nickten freundlich und die eine sagte zur anderen: „Mei liab. Die liest a Buach und lacht auch noch. Des sieht ma heutzutage selten.“ Ich muss dieser Dame recht geben. Ich sehe gar niemanden mehr, der liest oder lacht. Alle starren in ihre Smartphones. Früher habe ich immer versucht, auf den Umschlag zu schauen, um zu sehen, was die Menschen lesen. Oder ich habe heimlich mitgelesen. Das war schön. Doch was interessiert es mich schon, welche Videos sich die U – Bahnfahrgäste auf Facebook anschauen?
Ich erinnere mich an eine Fahrt in New York, mit dem Q-Train. Eine junge Frau las einen Artikel, in dem „100 hot guys” gefragt wurden, was sie „heiß“ mache. Ich muss gestehen, ich begann mich dafür zu interessieren. Ich weiß jetzt, welche Unterhose ich anziehen muss, ob ich beim Sex sprechen soll oder nicht, welcher Körperteil am wichtigsten ist und natürlich auch die beliebteste Stellung. Platz Nummer vier war die „reversed cowgirl position”. Welche Stellung war damit wohl gemeint? Ich war so in meine Überlegungen vertieft, dass ich meine Station verpasste. Zu Hause angekommen, habe ich einen Freund angerufen, um mich aufklären zu lassen. Er lachte. Meine Freunde Jooyeon und Mitsos habe ich auch gefragt. Jooyeon wunderte sich: „What the hell is this?“, währenddessen Mitsos fröhlich in sich hineinschmunzelte.
Ein anderes Mal habe ich jemanden gesehen, der einen „Guide for doing things faster” gelesen hat, ein 300 Seiten dickes Werk. Ein Kapitel hieß zum Beispiel: „Faster female orgasm through intercourse”, andere wiederum hießen „Get pregnant faster”, „Make a cake faster”, „Recover faster from a loss”, „Aging faster”, „Apply your make-up faster” oder „Get success faster”. Und das alles in einem Buch! Warum es lobens– und wünschenswert ist, alles schnell zu machen, ist mir bis heute noch ein Rätsel.
Ich habe ĂĽberall ein Buch dabei. Man kann ja nie wissen, vielleicht wird es ja fad bei einem Essen mit einem Bekannten oder es ergibt sich bei einer Wanderung nach Mariazell eine Gelegenheit ein paar Seiten zu lesen.
Apropos Mariazell. Neulich war ich wieder bei den Nonnen am Berg oben. Die kennen mich dort schon und glauben sicher, dass ich eine Kandidatin fürs Klosterleben bin. Alle schauen mich immer ganz freundlich und aufmunternd an. Ich ging in die kleine Kapelle und da saß eine Nonne und las. Sie war völlig in das Buch versunken. Ich schaute ein wenig über ihre Schulter, aber die Bibel las sie eindeutig nicht. Nach etwa zehn Minuten, war meine Neugierde so groß, dass ich es wagte, sie zu fragen, was sie denn lese. Natürlich ganz leise, wir waren ja in einer Kapelle. Sie drehte sich um, strahlte mich an und sagte: „Lady Chatterley’s Lover.“
© Doris Neidl 2021-03-10