Humor ist diffizil

MISERANDVS

von MISERANDVS

Story

Meine Art von Humor ist wie selbstgestrickte Unterwäsche aus Schurwolle: Ist nicht schön, fühlt sich nicht gut an, kratzt und juckt, aber wenn man sich dran gewöhnt hat, geht’s eigentlich. Ich empfind mich nicht als witzigen Menschen. Tatsächlich gibt es aber Menschen, die sehen das anders. Keine Ahnung, was mit denen nicht stimmt. Vati war ein witziger Mensch. Gut, nicht wirklich, weil sein direkter, derber Humor hat viele Menschen vor den Kopf gestoßen. Vati fand sich selber aber irre komisch und lachte gern; am liebsten über seine eigenen Witze. Ich fand Vati immer witzig. Mutti ist so gar kein Mensch von Humor. Witze erzählt sie nie. Wenn man ihr Witze erzählt, lacht sie selten bis gar nicht, verdreht meist nur die Augen. Außer, wenn’s gegen uns dumme Männer geht, dann kann sie herzhaft lachen, sagt glucksend: “Haha, die Männer, ja!”

Dabei aber ist Mutti eigentlich die Meisterin des Humors von uns dreien. Mutti ist die Königin der scharfen Zunge, der bitterbösen Kommentare, denn, wenn Mutti eine ihrer Meldungen schiebt, trifft sie jeden unerwartet. Selbst Vati erwischte es oft genug eiskalt aus dem Hinterhalt, und er verstummte augenblicklich, wenn Mutti ihn mit wenigen treffsicheren Worten an die Wand spielte. Das gefiel ihm gar nicht. Mutti schon. Denn dann schmunzelte sie zufrieden; nur einmal, nur ganz kurz.

Es ist der letzte Tag meines Weihnachtsbesuchs. Mutti und ich kochen. Piccata Milanese. Was man halt so auf die Schnelle macht. Als wir zu Tisch sitzen, und ich den ersten Bissen nehme, kräuselt sich meine Zunge unerwartet heftig. “Boah, Mutti!”, sage ich: “Da hast du es aber gut gemeint mit dem Salz.” Tatsächlich ist die Ei-Panade – man muss es sagen – versalzen, und nicht zu knapp. Ich stürze ein Glas Cola auf ex runter; Mutti schmollt. Sooo salzig wär es dann auch nicht, meint sie. Naja, der Hunger treibt’s rein, und immerhin gibts ja auch die Bolognaise, die wirklich gut gelungen ist. Ich schmatze genüsslich, sage: “Perfekt. Wie bei Mutti daheim!” Mutti lacht, und ich nehme die letzte Gabel Sugo. Noch aus dem Augenwinkel erspähe ich etwas, das ich für ein Stück Tomate halte, bevor der Happen in meinem gierigen Mund verschwindet, es beim Kauen verdächtig knackt und sich die vermeintliche Tomate als Chilischote outet. Nicht so ein 08-15 Chili etwa, sondern irgendwas knapp über Carolina Reaper. Tränen stürzen aus meinen Augen, ich röchle, habe Schluckauf, stürze hechelnd und schwitzend in die Küche zum Kühlschrank und dort eine halbe Flasche Milch in einem Zug in mich hinein.

“Lecko mio! Mutti!”, schnaufe ich rotzend, wieder am Tisch: “Wieso ist’n da Chili im Sugo?“ Mutti meint, ein wenig Schärfe bräuchte das Leben. “Feurio!”, sage ich, fächle mir Luft zu, während mir die Zunge aus dem Mund hängt. “Armes Burli!”, sagt Mutti grinsend: “Jetzt kannst du ja gar nimmer schmecken, wie versalzen das Fleisch ist…”

“Boah!”, lache ich laut auf wegen Muttis bös‘ schadenfrohem Humor. Mutti schmunzelt. Nur einmal, nur ganz kurz.

© MISERANDVS 2021-12-28

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