von Ulla Unzeitig
Mutti drückt mir einen Kuss auf die Wange und schlägt die Tür hinter ihr zu. Jeden Morgen um 7.15 Uhr muss sie zur Arbeit. Jeden Morgen um 7.25 Uhr rennt sie noch hektisch durch die Wohnung, die nur aus der Küche und dem Schlafzimmer besteht.
Nach der Schule nehme ich mir ein hartes Ei aus dem Kühlschrank, esse eine Banane und warte auf Mutti.
Heute gehen wir baden. Wir sagen „baden“, aber wir gehen in kein Schwimmbad. Wir fahren mit der U-Bahn nach Hütteldorf. In Meidling steigt ein Mann ein, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Auf dem Kopf trägt er einen Blätterkranz. In der Hand hält er einen Apfel und einen Stock, auf dem oben eine Plastiktaube befestigt ist. Der schon wieder, flüstert meine Mutti und verdreht die Augen.
In Hütteldorf gehen wir eine Bahnböschung entlang, bis wir zu den Überschwemmungsbecken des Wienflusses kommen. Dorthin gehen alle, die baden gehen und kein Geld für das Schwimmbad haben. Der Wienfluss fließt in einem Betonbett, links und rechts davon ist ein Streifen, gerade so breit, dass meine Mutti sich hinlegen kann. Sie schmiert sich mit Sonnencreme ein. Wir kennen die meisten. Eine Frau mit roten Haaren hat eine ganz dunkle, runzelige Haut, die sich zwischen ihren Brüsten kräuselt. Auch das Mädchen mit den schwarzen Haaren ist wieder da. Sie heißt Steffi. Wir beide haben bunte Badeanzüge an, so wie man sie auch am Meer trägt. Wir klettern im Tunnel der Schleusenanlage herum. Dort drin ist es dunkel und riecht modrig. Irgendwann steht dann meine Mutti draußen und ruft, dass wir herauskommen sollen. Sie sieht aus wie ein zu helles Polaroid. Es gibt Mannerschnitten und Himbeerwasser. Meine Mutti legt sich wieder hin und macht die Augen zu. Sie ist immer müde.
Wir klettern über eine Mauer, da ist ein Spielplatz. Die Schaukeln sind kaputt, wir klettern auf den Stangen herum. Steffi sagt, sie muss mir was zeigen, und zieht mich in die Büsche. Das Grün schlägt über meinem Kopf zusammen, es riecht nach Erde. Steffi hält sich den Finger auf die Lippen. Wir biegen Äste zur Seite und achten darauf, dass nichts unter unseren Füßen knackt. Dann sind wir da und Steffi zeigt in einen Busch, der noch dichter ist, als alle anderen Büsche um uns herum. Ich weiß nicht, was da sein soll und strecke meinen Hals. Und dann sehe ich sie: Es sind drei winzige, nackte Vögel. Ihre Augen sind blaue Kreise. Sie zucken und fiepen leise.
Voll der Wahnsinn, sagt Steffi.
Wir gehen wieder zurück auf den Spielplatz. Auf einmal packt mich Steffi am Arm und flüstert, der Kinderfänger kommt. Dann läuft sie weg und ich bin mit dem Kinderfänger alleine. Es ist ein alter Mann mit Hut. Er greift in die Tasche und streut Brösel auf den Boden. Drei Tauben kommen geflogen und beginnen eifrig zu picken.
© Ulla Unzeitig 2021-04-24