von Tanja Frei
Ich sitze am Esstisch und schaue meiner Tochter beim Spielen zu. Sie ist vertieft und blabbert fasziniert mit ihren Plüschtieren. Immer wieder wirft sie einen Blick zu mir hoch, sieht mich, lächelt mich an und spielt weiter. Sie sieht mich. Mich, ihren sicheren Hafen. Ihre engste Bindungsperson. Ihre kleine, grosse Welt. Ihre Mama, die immer da ist. Ich selbst sehe und spüre mich gerade nicht.
Ich blicke auf die Uhr. Zwei Stunden dauert es noch, bis der Papa nach Hause kommt. Zwei Stunden ohne Gespräch, ohne Austausch, ohne einen Moment, der nur mir gehört. Ich weiss nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll. Meine Tochter braucht meine Anwesenheit und – aufgrund ihres jungen, zehnmonatigen Alters – meine ganze Aufmerksamkeit.
Einmal mehr macht sich das Gefühl von Einsamkeit in mir breit. Schwer, eng, traurig. Die Angst vor dem Alleinsein schiebt sich leise nach vorne. Warum sieht das bei anderen Müttern so leicht aus? Der Mann geht auf Geschäftsreise, die Freundin sagt spontan ab, die Oma ist bei der Arbeit. Dann ist man halt mal ein paar Tage alleine mit dem kleinen Kind. Für mich ist das jedes Mal wieder eine Herausforderung.
Wie gut sich meine Tochter alleine beschäftigen kann. Und wie schwer es mir fällt, einfach anwesend zu sein, ohne einer bestimmten Tätigkeit nachzugehen. Eine seltsame Gegenüberstellung. Natürlich könnte ich auf dem Handy scrollen, mich ablenken, die Zeit totschlagen. Aber das will ich nicht mehr. Ich will hier sein. Auch wenn ich nicht genau weiss, wie das geht.
Ist man nach der Geburt eines Kindes einfach Mama? Oder ist es ein Prozess – dieses langsame, manchmal schmerzhafte Mama-werden? Ich weiss, dass ich die Mutter meiner Tochter bin, seit ich sie in der Schwangerschaft zum ersten Mal in meinem Bauch gespürt habe. Und dann, von einer Sekunde auf die andere, ist es da: dieses kleine Geschöpf, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Still. Und radikal. Wie weit und tief das geht, wusste ich nicht. Vielleicht ist genau das der Punkt.
Mama-Sein bedeutet vielleicht nicht, immer bei sich zu sein. Nähe ist nicht automatisch Verbundenheit mit sich selbst. Und Einsamkeit existiert manchmal genau dort, wo man gebraucht wird. Gerade lerne ich, diese Leere nicht sofort zu füllen. Nicht mit Aufgaben, nicht mit Ablenkung, nicht mit Erwartungen an mich selbst. Ich sitze da, schaue zu, atme. Die Zeit verstreicht, ohne dass ich sie sinnvoll machen möchte. Meine Tochter erwartet das vermutlich auch nicht. Sie braucht keine dauerbeschäftigte Mutter, sondern eine, die da ist. Auch dann, wenn ich mich selbst gerade nicht spüre.
Vielleicht reicht das. Vielleicht ist das sogar alles. Vielleicht ist Mama-Werden genau das: sich selbst zwischen Plüschtieren, stillen Nachmittagen und wartenden Stunden immer wieder zu verlieren – und sich genauso oft neu zu finden. Nicht auf einmal. Nicht endgültig. Sondern in kleinen, leisen Momenten. So wie jetzt. Wenn meine Tochter kurz innehält, zu mir hochschaut, mich sieht und lächelt. Und ich für einen Augenblick spüre: Ich bin da. Das reicht.
© Tanja Frei 2026-01-14