von Tanja Frei
„Wenn die 20-jährige Tanja gewusst hätte, dass sie knapp elf Jahre später ohne BH in der Öffentlichkeit herumlaufen würde, wäre sie knallrot angelaufen und hätte schreiend die Flucht ergriffen“, sage ich Anfang der Woche grinsend zu meinem Freund, als ich auf dem Parkplatz am See meinen nassen Bikini unter dem T-Shirt ausziehe. Er lacht und fragt: „Warum?“ Ich sage: „Weil sie sich das nie hätte vorstellen können. Weil sie sich nie ’so frei‘ gezeigt, oder besser gesagt, gefühlt hätte.“
Ich halte kurz inne, schweife in Gedanken noch etwas weiter zurück in meine Jugend und in die Zwanzigerjahre. Plötzlich bekomme ich eine Gänsehaut und feuchte Augen. „Die 20-jährige Tanja würde mich mit grossen Augen anschauen, wenn sie wüsste, dass sie mit 30 Jahren in zwei Medienunternehmen gearbeitet, einen eidg. FA mit Bravour bestanden hat und kurz davor steht, sich ihren ganz grossen Traum zu erfüllen. Sie würde vergöttern, wer sie heute ist.“ Eine unglaubliche Freude und Dankbarkeit macht sich in mir breit. Und während wir gemütlich zur Badi-Beiz schlendern, frage ich meinen Freund, wie er sich fühlt, wenn er an sein 20-jähriges Ich denkt. Er überlegt kurz, erzählt und ich spüre, wie sich auch bei ihm bei diesem Rückblick eine grosse Zufriedenheit ausbreitet.
Ich finde, wir sollten uns viel öfter bewusst machen, wo wir herkommen, welchen Weg wir gegangen sind und wo wir heute stehen. Ein solches Bewusstsein vermittelt Dankbarkeit und Freude. Es schärft unseren Blick für all das Schöne, das in jedem Moment vor uns liegt. Vielleicht sind wir viel öfter, als wir glauben, schon da, wo wir sein müssen. Und alles, was noch kommt, ist nur das i-Tüpfelchen. Ich freue mich schon darauf, in zehn Jahren auf mein 30-jähriges Ich zurückzublicken und nehme mir ganz fest vor, bis dahin meinen weiteren Weg zu geniessen. Ich mag es, unterwegs zu sein. Das Neue, das Unbequeme. Ich fühle mich angekommen. Unterwegs.
„Neues zu erfahren schärft die Sinne, Adrenalin und Nervosität lassen uns klarer sehen. Manchmal sehnen wir uns nach genau dieser Aufregung. Nach Ungemütlichkeit. Danach, uns durchkämpfen zu müssen“, schreibt Marie Luise Ritter in „Vom nichts suchen und alles finden“. Manchmal ist das so. Und manchmal brauchen wir diesen einen Moment, ohne BH, am See und einem Blick voller Liebe auf unser jüngeres Ich gerichtet.
© Tanja Frei 2024-06-21