von Mais-oui-Simone
Frau sein. Frau werden. Ich habe fast vergessen, was das bedeutet in einer Gegenwärtigkeit der Auflösung der Geschlechter. Weiblichkeit und Männlichkeit sind fluide Zustände zwischen festgelegten Größen, die über die reine Geschlechtlichkeit hinausgehen. Milchdrüsen, Ovarien, Follikel. Biologische Gegebenheiten, die von mir ein „Frau sein“ verlangen. Bin ich eine Frau?
Ein sich in trübem Glas spiegelnder Körper, dunkelbraune Locken fallen über die schmalen Schultern. Ausgeprägte Schlüsselbeinknochen, die wie Höcker herausragen. Die Brüste, sie hängen schlaff herab. Das Gewebe hat feine Risse bekommen, durch die Ausdehnung der Haut.
Zwischen oberem und unterem Bauch eine Mulde und ein in die Tiefe gehender Bauchnabel. Die Hand liegt auf dem unteren Bauch. Unter Schichten von Haut, Gewebe und Fett verbirgt sich im Inneren das, was ein „Frau sein“ ausmacht. Das, was ich nicht bin und zugleich doch bin.
Ovarien und Follikel, die stetig Hormone in meinen Körper pumpen. Wellen aus Östrogen, Progesteron und Testosteron, die mir eine Fruchtbarkeit aufzwingen. Ein Rhythmus, dem ich mich hingeben muss, weil jegliche Auflehnung ebenso einen Eingriff in mein Sein, mein Ich darstellt. Ich bin mein Körper. Bin ich mein Körper?
Weiter unten, zwischen den Beinen, das Zentrum, der Ort wo meine Weiblichkeit zusammenfließt. Feucht und warm. Mächtig. Pulsierend. Wo sich mein Innerstes nach außen hin offenbart. Schwellkörper, die sich ausdehnen, Öffnungen, die in sich aufnehmen.
Was lasse ich zu, was lasse ich hinein? Was macht das Hineingelassene schließlich mit mir, mit meinen „Frau sein“? Grenzen, die ich wahre, Grenzen, die nicht bloß überschritten, sondern auch durchbrochen werden. Durchstoßene Zellwände. Zustände die mir auferlegt werden. Bin ich noch eine Frau, ohne meinen Körper?
Ich male meine Lippen rot. Male über den Rand hinaus, ziehe mit dem Lippenstift feste Kreise über mein Gesicht, die Wangen, das Kinn, die Stirn. Fahre meinen Hals hinab, durch die Enge zwischen meinen Brüsten bis zum Bauchnabel und weiter zwischen meine Beine, von wo aus die rote Farbe an den Innenseiten meiner Schenkel hinabläuft. An meinen Fingern klebt Blut. Blut das Leben schafft und Leben nimmt.
Bin ich eine Frau ohne mein Blut?
(von Lena Kothgasser-Haider)