Ich steck fest

Sonja M. Büttner

von Sonja M. Büttner

Story

Da ist ein kleines Mäuerchen bei uns im Hof. Die eine Seite ist so hoch wie ich und dann wird sie irgendwie immer höher zum anderen Ende hin. Es geht neben dran nämlich bergab. Im Winter schiebt Frauchen immer den ganzen Schnee beim Freiräumen des Hofs an diese Mauer. Dort störe er nicht. Beim Autofahren und so vielleicht nicht, aber mich stört er. Ich balanciere mit Begeisterung im Winter auf dieser Mauer und schau mich dann am Ende immer um, was für wunderschöne Fußspuren ich im Schnee hinterlassen habe.

Heute habe ich das auch gemacht. Allerdings habe ich am Ende der Mauer, am hohen Ende, einen Fuß falsch gesetzt. – Okay, ja, ich geb’s ja zu, ich hab das Gleichgewicht verloren, und zack, landete ich im Schneehaufen. Ich reckte meinen Kopf nach oben, um noch atmen und um Hilfe rufen zu können. Denn das Einzige was von mir noch zu sehen schien, war meine weiße Schwanzspitze. Und naja, weiß in weißem Schnee? Eine Leuchtfackel sieht anders aus. Wie zu erwarten war, dauerte es ein wenig, bis Frauchen mich gefunden hatte. Als sie ankam wirkte sie noch panisch, doch dann brach sie in schallendes Gelächter aus und zückte ihr Handy.

Das ist ja mal wieder typisch. Ich stecke fest und sie macht erst mal ein Foto. Hallo? Das wird hier vielleicht kalt?! Jetzt lachte sie noch mehr. Ich steck im Schneehaufen fest. Das ist nicht, ich wiederhole, NICHT lustig!

Sie nickte. Aber bewegte sich nicht vom Fleck. Hilfst du mir jetzt mal? Sie rührte sich. Einen Fuß vor den anderen. Ja, genau so. Toll machst du das. Und noch ein Stück. Ein feines Frauchen, brav. Ein ganz feines Frauchen…

Jetzt blieb sie stehen, stemmte die Hände in die Hüften und funkelte mich an. „Feines Frauchen? Ganz feines Frauchen? Sag mal, hast du sie noch alle?“ Das sag ich dir, wenn meine Pfoten nicht mehr erfrieren. Mach hinne! „Nur die Ruhe.“ Deine Füße stecken ja nicht fest!

Sie grub sich mit blanken Fingern durch den Schneehaufen, hob mich schließlich hoch und setzte mich kurz darauf am Weg wieder ab. Endlich wieder frei. Ich war ihr dankbar, sogar sehr. Aber für den Lachanfall würde ich mich noch revanchieren. So einfach kam sie mir da nicht davon.

Das Hochheben hatte mich auf eine Idee gebracht. Warte nur, bis die nächste Treppe kommt.

Auch eine gute Gelegenheit: Das Hundehotel, in das wir Weihnachten immer fahren. Du erinnerst dich? Die Zimmer sind im zweiten Stock. Kein Aufzug. – Die Rache wird mein sein.

© Sonja M. Büttner 2023-01-29

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