Ich sehe das rote Kärtchen von meiner Nichte Sandra vor mir und schmunzle, denn darauf steht: Juli 2021 – im Cabriobus die Stadt Graz neu entdecken. Meine Schwägerin feierte ihren Pensionsantritt und jede/r von der Großfamilie bekam ein Kärtchen, um mit Evi und Franz etwas Außergewöhnliches zu unternehmen. Ich fand die Idee großartig, mein Mann und ich freuten uns auf diese Graztour, denn so eine Rundfahrt würde uns viel Neues und Interessantes bieten.
Gut gelaunt begrüßten wir uns bei der Bushaltestelle beim Kunsthaus Graz und dann starteten wir mit der sehr kompetenten Führerin Johanna in diesem Cabriobus in Richtung Augarten. Hier gibt es heute tatsächlich noch in der Friedrichgasse 41 ein Tröpferlbad, das in früheren Zeiten ziemlich frequentiert wurde, weil es keine Duschen in den Wohnungen gab. Über den Kaiser Josefsplatz fuhren wir weiter zur Alten Technik und dann erblickten wir die im neugotischen Backsteinstil erbaute Herz-Jesu-Kirche.
Das Wetter spielte mit, es lugte zwischendurch auch die Sonne hervor und wir ließen uns den Wind um die Nase wehen. Eine wissenswerte Entdeckung gab es für uns im Bereich des LKH Graz an der Med-Uni. Im Fassadendurchbruch des Campuseingangs erkennt man weiß lackierte Figuren, die den Menschen in den verschiedensten Entwicklungsphasen zeigt. Acht Figuren wachsen vom Plafond verkehrt heraus und zeigen einen Fötus, ein Neugeborenes, ein Kind, einen Jugendlichen, eine schwangere Frau, einen Mann, einen gebrechlichen Mann und ein Skelett. Dieses beeindruckende Kunstwerk wurde vom bekannten Grazer Künstler Manfred Erjautz geschaffen.
In der Schubertstraße wurden wir auf die denkmalgeschützten und noch funktionstüchtigen Gaslaternen hingewiesen, dann steuerten wir auf den Sonnenfelsplatz vor der Mensa zu, der ironisch der Platz der Nahtoderfahrungen genannt wird, denn unser Fahrer musste sehr achtsam sein, weil es dort weder Stoppschilder noch Bodenmarkierungen gibt.
Noch nie hatten wir den Zaha-Hadid-Bau mit den Glupschaugen jemals in der Burggasse bewusst wahrgenommen und jetzt sahen wir fasziniert auf dieses Gebäude, an dem wir schon x-mal vorbeigegangen sind, ohne den Blick in die Höhe zu richten. Außerdem wussten wir nicht, dass das Lichtschwert vor der Oper eine Art Kopie der Freiheitsstatue von New York ist, wobei die Fackel durch ein Schwert ersetzt wurde. Nach fast zwei Stunden landeten wir wieder beim Kunsthaus in Graz, der „Friendly Alien“ mit der Medienfassade begrüßte uns und wir warfen noch einen Blick auf die Murinsel in Muschelform von Vito Acconci.
Obwohl wir alle in Graz geboren wurden, entdeckten wir auf dieser Fahrt so viel Neues. Jetzt wissen wir, dass man bei einem Spaziergang durch unsere Heimatstadt in die Höhe schauen sollte, denn dann erkennt man die faszinierenden architektonischen Schönheiten. Beschwingt stiegen wir aus und ließen den tollen Tag bei einem guten Essen mit der Pensionistin ausklingen. Schön war’s!
© Christine Büttner 2021-10-12