von Peggy Biczysko
Cali – die Drogenhochburg Nummer 2 Kolumbiens. Gleich nach Medellin. Längst hat sich die drittgrößte Stadt des Landes auch zu einem weiteren Anziehungspunkt gemausert: Es ist das erklärte Mekka für Schönheitsoperationen. Hunderte von Kliniken bieten ihre Dienste an, die Wartezimmer platzen schier aus allen Nähten. Ob draller Busen, pralle Arschbacken, flacher Bauch oder ein straffes, junges Gesicht. Grenzen gibt es keine.
Nun, ich hab’s getan! Ja, ich habe mich während meiner Weltreise liften lassen. Eben in Cali. Wenn auch nur in kleinem Ausmaß. Mal eben die immer weiter heruntersackenden Augenlider liften lassen. Nicht wie die Ladys und Gentlemen rund um mich herum, die gleich das komplette Rund-um-sorglos-mach-mich-zwanzig-Jahre-jünger-Paket gebucht haben.
Ein Kunstwerk auf High Heels mit dem strahlendsten Lächeln der Welt weht zur Tür herein. Dass ihr angesichts meines Anblicks nicht gleich das Make-up wegbröselt, macht sie fast ein wenig sympathisch. Die üppig langen Haare: auf jeden Fall angeschweißt. Die Brüste: mit Silikon locker auf Cup E aufgepumpt. Die Taille: Die Frau darf nie mehr was Falsches essen, kommt mir dabei in den Sinn. Sie selbst verrät mir aber später, dass es auch dafür spezielle Techniken gibt. Zum Beispiel einige Rippen entfernen lassen. Mir wird schlecht. Der Hintern: Halleluja. Da muss pfundweise Silikon hineingepresst worden sein. Die Beine: makellos. Die scheinen so ziemlich das einzig Echte zu sein. Oder täusche ich mich da? Auf jeden Fall gibt sich die Gattin des Dentisten, der auf der Etage gegenüber seinen lukrativen Strahle-Lächeln-Job macht, ganz bemüht. Sie spricht immerhin fließend Englisch und bringt mich zu dem Doc, der das Skalpell ansetzen wird.
Ich quetsche irgendeine Hand. Keine Ahnung, wem sie gehört. Die Einstiche schmerzen. Während der Operation trällert im Hintergrund das Radio. Die Assistentin quäkt munter dazu, während Dr. Arias die Verjüngung meiner Augenpartie in Angriff nimmt. Es stinkt entsetzlich nach verschmortem Fleisch. Das dürfte wohl meines sein. Der Doc nickt zufrieden. Scheint geglückt zu sein. Der erste Blick in den Spiegel: Ich kann mich nicht daran erinnern, gegen Klitschko im Ring gestanden zu haben.
Mit dem Taxi lasse ich mich in mein kleines Hotel chauffieren – die Sonnenbrille fest auf die Nase gedrückt. Alle sechs Stunden Schmerztabletten. Die beiden Damen in der Pension kümmern sich rührend um mich, während ich mit Eisbeuteln bewaffnet auf meinem Bett liege und hoffe, irgendwann die Farben Lila, Blau und Grün, am Schluss auch Gelb, loszuwerden. Eine Woche später zieht Dr. Arias die Fäden. Meinen neuen Durchblick begieße ich abends mit einem leckeren Rotwein zu köstlichen Ceviche.
Aber Cali hat weit mehr zu bieten als nur über hundert Schönheits-Kliniken. Es gibt wunderbares Essen, herrliche Plätze mit Musikern, den besten Zoo Kolumbiens, der auf zehn Hektar 1200 Tiere beherbergt, und einen Katzen-Skulputuren-Park.
© Peggy Biczysko 2021-02-07