Im Moor

EveGrusel

von EveGrusel

Story

Der Wind pfiff durch die kahlen Bäume und ließ mich schaudern. Es rauschte wie das Schneegestöber in einem Fernsehapparat. Es war kalt, dass mir der Atem gefror, aber Schnee mochte nicht fallen. Ob Gevatter Frost etwas anderes zu tun hatte?Er hatte doch nur diese eine Aufgabe, also was machte er die ganze Zeit? Das Gesicht tief in den Schal vergraben, suchte die Nase Schutz hinter dem Wall aus senf-gelber Wolle. Die letzte Bastion der warmen Farben. Meine Hände in den Taschen meines Anoraks versteckt, als hätte ich sie verloren. Es matschte unter meinen Schuhen. Nasse Erde, die zu allen Seiten wich, dabei Luft zog und „Quietsch“ machte. An mich haltend ging ich dem Geräusch nach. Kreuz und quer wuchsen lange Grashalme, weder grün noch braun, eher „brün“.Noch bevor das Moor immer nasser wurde, gab es einen Zaun, klapprig und aus schiefen Brettern zusammengenagelt. Er würde niemanden aufhalten, dennoch gingen die Wanderer nicht weiter. Vor dem Bretterzaun gab es eine Bank, sie hatte ihre besten Tage hinter sich und nahm dieselbe Färbung wie das Moor an. Ich setzte mich und starrte hinaus in die Weite. Schwarze Tinte war das Wasser und die Oberfläche glänzte, auch ohne Sonnenschein. Es ragten Inseln empor, alle bedeckt, mit Gräsern, wie zerzauste Haare, als wären es Köpfe von Riesen, die gleich auftauchten. Sie hatten mich kommen hören und sich gleich versteckt, denn ungeachtet ihrer Größe waren sie schüchtern.

Ich liebte das Moor, obwohl ich es als Kind immer etwas unheimlich fand. Denn ich glaubte zwischen den wilden Wiesen und Schilf taten sich Leichen auf, ein Trugschluss. Zumeist war es totes Holz. Natürlich würde das Moor die Verschlungenen nicht wieder hinaus speien, das wusste ich nun, ich war ja auch kein Kind mehr. Auch wenn Mutter etwas anderes behauptet.In der Ferne, eine Mauer aus Bäumen die alles umzäunte. Birken, manche mit lichten Kronen, andere durch Witterung abgebrochen. Wäre ich ein Vogel, so hätte ich ein klaffendes Maul erblickt, umringt von messerscharfen Zähnen. Ein Wal, umgeben vom hölzernen Meer.

Es war still hier, und doch war es laut, es waren nicht die Tiere, die hielten nämlich ihren Winterschlaf. Lediglich einige Raben hockten auf dem Geäst und starrten wie ich, in die Welt.Das, was ich zuhören vermochte, waren die klagenden Rufe der Bäume. Ein leidvolles Gurgeln, während sie langsam ertranken. Die Wurzeln, die vom schwarzen Schlamm umspült wurden, bis in die kleinste Ritze hinein und sie modern ließ. Da fiel mir eine Geschichte ein, von einer Hexe, die hier lebte, mitten in diesen Wäldern, das war zur Zeit des finsteren Mittelalters.Kinder verschwanden und Bäume bluteten plötzlich aus ihrer Rinde. Fast wie in einem Horrorfilm. Eine Stimme erklang hinter mir: „Wartest du schon lange, Abel?“

© EveGrusel 2022-03-20

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