Im Shinkansen nach Nagano

Clarissa_Smiles

von Clarissa_Smiles

Story

Ich hab‘ das Ticket noch. Shinkansen Hakutaka 560, Abfahrt um 10.56 Uhr von Bahnsteig 12 in Kanazawa, Ankunft in Nagano um 12.22 Uhr. Distanz: 228,1, km. Fahrzeit gesamt: 86 Minuten. Reine Fahrzeit: 68 Minuten. Es gibt sechs Stopps auf der Route. Wie man auch auf Wikipedia nachlesen, kann, erreicht dieser Zug, der regelmäßig zwischen Kanazawa und Tokio verkehrt, eine Höchstgeschwindigkeit von 260 Stundenkilometern.

Inzwischen gibt es bei uns ja auch komfortable Railjets mit bis zu 230 Stundenkilometern, auch für uns also nichts Ungewöhnliches mehr. Ungewöhnlich für uns Europäer bleibt jedoch die unglaubliche Präzision des Zugverkehrs. Sollte es einmal zu einer Verspätung von ein bis zwei Minuten kommen, so wird diese mit allergrößtem Bedauern angesagt.

Es wird natürlich aus Rücksichtnahme nirgendwo gelärmt, gedrängelt oder gestoßen. Uns erreichen aber auch Szenen von Ordnern, die Passagiere im täglichen Pendlerverkehr in Ballungszentren in öffentliche Verkehrsmittel schubsen. Mir ist das nirgendwo begegnet. Japan ist im Wandel und kontrastreich. Wenn man länger dort lebt, erkennt man, dass dort gegen Untugenden wie überall auf der Welt nicht gefeit ist, uns so gibt es auch in diesem Lande von höchster Feinsinnigkeit bis zu größter Grausamkeit alles, da hegte ich keine verträumten Illusionen.

Als ich mich zu Hause auf die japanische Badekultur in den Onsen (Thermalbäder) befasste, wurde mir bewusst, wie gefürchtet die japanische Unterwelt in der japanischen Gesellschaft ist. Dazu noch mehr. Ja, und auch Japan hat seine Korruptionsskandale. Es sollte nicht vergessen werden, dass sich Japan sieben Jahre unter amerikanischer Besatzung befand. Der politische Einfluss der sogenannten Siegermächte ist trotz offizieller Souveränität bis heute da.

Die japanische Identität ist immer noch angekratzt. Wie in aller Welt, wurde auch in Japan viel getan, damit die Menschen das eigenständige Denken verlernen und sich schuldig fühlen. Wenn man die Geschichte betrachtet, waren auch die japanischen Machthaber nicht gerade zimperlich. Jedes Land hat sein Karma, könnte man sagen.

Schluss dieser Betrachtungen mit dem Wunsch, dass die Menschheit nun erwacht, sich vereint und die unverbesserlichen Aufwiegler in die sprichwörtliche Wüste schickt.

Zurück zur Reiseerzählung. An wichtigeren Bahnsteigen gibt es Kioske. Man kann sich Getränke und einen kleinen Imbiss besorgen. Essen im Zug ist verpönt. Es liefe ja der Rücksichtnahme zuwider, Bröseln zu verursachen oder etwas vom Getränk zu verschütten. Als europäische Langnase andere Verhaltensmuster gewohnt, konnte ich es freilich nicht lassen. Ich habe verstohlen “gesündigt”, aber immer höchst vorsichtig!

Und die Fahrt? Fand ich zumindest schöner als Fliegen. Sanftes Abfahren und Anhalten, fast unmerkliche Beschleunigung, komfortable Sitze. Und draußen huschen Städte, Felder, Dörfer, Hügel vorbei. Gerne wäre ich mehr mit diesen Zügen gefahren.

© Clarissa_Smiles 2021-02-10

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