Immer weiter, immer weiter!

Annemarie Baumgarten

von Annemarie Baumgarten

Story

Text, den wir 1994 in Wintzingerode stenografierten: (Otto Reutter: Ein Lebensbild)

Ach, was sind wir doch für dumme Leute – wir genießen nie das Heute. Unser ganzes Erdenleben ist ein Hasten, ist ein Streben, ist ein Bangen, ist ein Sorgen. Heute denkt man schon an morgen, morgen an die spät’re Zeit – und kein Mensch genießt das Heut. Auf des Lebens Stufenleiter eilt man weiter, immer weiter. Ja, wir leben zu geschwind heut‘, gar zu schnell entschwind‘ die Kindheit. Schon der Knabe in der Schule sitzt nervös auf seinem Stuhle. Von der Fibel wird ihm übel. Und nur mit Sträuben lernt er schreiben. Ja, am liebsten möcht‘ er raus aus dem schönen Elternhaus. Denn er glaubt, es sei gescheiter, immer weiter, immer weiter. Ist die Schulzeit dann zu Ende, steht er an der Lebenswende, dünkt sich groß wie irgend einer, wird als Lehrling sehr bald kleiner; wird gepufft und angepfiffen, bis er endlich hat begriffen, dass man nur durch Fleiß und Streben sich behaupten kann im Leben. Und sein Pflichtenkreis wird breiter. Immer weiter, immer weiter. Ist er Anfang zwanzig eben, denkt er schon ans Eheleben. Ja, in einem Tanzlokale sieht er sie zum ersten Male. Und am Abend bringt er ’s Liebchen bis nach Hause vor ihr Stübchen. Hold errötend sagt die Maid: „Junger Mann, Sie geh’n zu weit!“ Doch trotzdem geht der Begleiter immer weiter, immer weiter.
Er, noch ganz erhitzt vom Tanze, sagt zu ihr: „Ich geh‘ aufs Ganze!“ Immer näher kommt zur Maid er. Sie rückt weiter, immer weiter. „Komm“, sagt er, ’s ist nicht gefährlich. Wirst mein Weibchen brav und ehrlich. In sechs Wochen bist du mein“ – und er küsst das Mägdelein. Und nun sagt sie froh und heiter: „Küsse weiter, immer weiter.“ Ja, nun zählt er die Sekunden, bis man ihn mit ihr verbunden. Ist das nicht ein toller Einfall? ’s hat doch Zeit mit solchem Reinfall! Er nimmt die geknickte Lilie. Und gar bald vermehrt sich die Familie. Ja, nach kurzem hat man schon auf dem Schoß den ersten Sohn. Erst kommt einer – dann ein zweiter – und so weiter, immer weiter. So entflieht die Zeit wie ’n Traum, und die beiden merken ’s kaum. Erst verheiraten sie ihr Sophiechen, dann verloben sie ihr Mariechen. Dann kommt Walter zur Marine. Dann lernt Englisch die Pauline. Dann macht Wilhelm sein Examen, dann komm’n noch zwei junge Damen – eine 16, eine 17! Das kost’t Hüte, Kleider, Schürzen, um sie richtig auszustatten für den künft’gen Herrn und Gatten.
Nie gibt ’s Ruhe – nie gibt ’s Frieden, wenn die eine an den Mann ist, ist die and’re schon geschieden. Wenn die Jüngste noch zu haben, hat die Ält’ste schon ’nen Knaben. Erst kommt einer – dann ein zweiter und so weiter – immer weiter. Seht ihr, so entflieh’n die Jahre. Großpapa kriegt weiße Haare und sein Mondschein zieht sich breiter, immer weiter, immer weiter. „Ach, wir waren blind“, so klagt er. Und zu seinem Enkel sagt er: „Nutz‘ den Frühling deines Lebens,
leb‘ im Sommer nicht vergebens. Denn gar balde stehst‘ im Herbste. Und wenn der Winter naht, dann sterbste.“
Und die Welt geht trotzdem heiter immer weiter.


© Annemarie Baumgarten 2024-07-17

Genres
Humor& Satire
Stimmung
Emotional