In deinem Spiegelbild

Erna Emge

von Erna Emge

Story
2023 – 2024

„ErzĂ€hle mir eine Geschichte“, so begannen unsere Abende immer. Zwei dampfende Tassen schokoladiger Kakao, eine Kanne Tee fĂŒr spĂ€ter und Berge von Keksen. Jerome war nicht die Sorte Mensch, die gerne Small-Talk fĂŒhrt oder lange ĂŒber Nichtigkeiten diskutiert. Er fragte nie, wie mein Tag war, wie es mir geht oder ob ich etwas Besonderes erlebt habe. Nein, er glaubte daran, dass Menschen, die sprechen wollen auch sprechen werden und so war der Beginn eines GesprĂ€chs immer: „ErzĂ€hle mir eine Geschichte!“. So eine Geschichte konnte von allem handeln. Dieser unscheinbare Satz erlaubte es mir, meine Probleme, GefĂŒhle, neusten Erkenntnisse oder Erfahrungen in Worte zu fassen ohne, dass es dabei um mich gehen musste oder mir etwas hĂ€tte peinlich sein mĂŒssen. Auf diese Weise konnte ich von Susanne erzĂ€hlen (ihr passierten immer die peinlichsten Dinge) oder auch von Rosa (sie war irrsinnig zielstrebig, ihr gelang meist unglaubliches). Diese und weitere Frauen waren alle von Grund auf verschieden, aber sie gehörten alle zu mir. Wenn ich dann mit meiner Geschichte zum Ende kam und es nichts Besonderes mehr zu erzĂ€hlen gab, dann blickte ich Jerome in die Augen und fragte: „Wie geht die Geschichte weiter?“. Dann war es an ihm, BruchstĂŒcke seines Lebens in eine ErzĂ€hlung zu verweben, die zwar etwas extrahiert, aber immer noch nahe genug an der Wahrheit war. Er war besonders gut darin, sein Leben durch frei erfundene Personen zu transportieren. Sobald er sprach, war ich wie hypnotisiert. Der Charakter jeder einzelnen seiner Figuren war so lebhaft und speziell, dass nur er aus ihrem Alltag erzĂ€hlen konnte. Dabei war es nicht wichtig, dass jede einzelne Geschichte so vollkommen losgelöst von uns selbst war, denn wir beide wussten schließlich, worum es geht. Wir konnten gemeinsam lachen, weinen und ĂŒber die Dinge sprechen, die wir uns erzĂ€hlten ohne, dass es einer direkten Konfrontation gleich kĂ€me. Es ging nie, um mein GefĂŒhl des Kontrollverlusts, sondern es war immer Fiona, deren Leben aus den Fugen geriet. Zu keinem Zeitpunkt hat Jerome ĂŒber seine Verlustangst gesprochen. Immerzu war es Nick, der wieder einen Albtraum hatte, in dem er seine Eltern verlor. Wir funktionierten immer im gleichmĂ€ĂŸigen Rhythmus. Bis wir es nicht mehr taten. Mir kam es mit der Zeit immer seltsamer vor, dass wir niemals auf normale Weise miteinander kommunizierten. Ich begriff nicht, warum Jerome und ich nicht einfach darĂŒber sprechen konnten, was uns bewegte. Es fĂŒhlte sich so an, als wĂ€re es gar nicht er, Jerome, den ich kannte, sondern Nick, James, Aaron und Henry. NatĂŒrlich war mir bereits klar geworden, dass Jerome nicht gerne ĂŒber sich selbst sprach, aber was war der Unterschied? Als er mich also wieder um eine Geschichte bat, begann ich von mir zu erzĂ€hlen. Ich sprach von meinen Gedanken ĂŒber unsere Treffen, von meinen GefĂŒhlen, fĂŒr die Dinge, die mir wichtig waren und fĂŒr ihn. Als ich fertig war, sagte Jerome nichts. Er blickte mich bloß abwartend an, als wĂŒrde er darauf warten, dass ich nach der Fortsetzung der Geschichte fragte. Er starrte so quĂ€lend lange, dass wir beide stĂ€ndig blinzeln mussten. Irgendwann rannen uns TrĂ€nen ĂŒber die Wangen und ich war so wĂŒtend, dass er nicht antwortete. Mit meinen Worten hatte ich den Zauber gebrochen, der so lange ĂŒber uns lag. Ich wand mich verletzt ab, konnte ihm nicht mehr in die Augen schauen. Als ich es schließlich doch wieder tat, waren dann nur noch meine Augen, die mich anblickten.

© Erna Emge 2024-05-20

Genres
Romane & ErzÀhlungen
Stimmung
Emotional, Reflektierend