von Sonja M. Winkler
Was haben die beiden Wörter gemeinsam? Die Aussprache, wenn man nicht genau hinhört. In beiden Wörtern fließt lateinisches Quellwasser: īnfluere 3. Bei beiden lauert die Gefahr der Ansteckung durch unsichtbare Tröpfchen. Influencer schicken sie virtuell in unsere Köpfchen, Influenza-Viren gelangen in unser Kröpfchen, ohne dass wir es bemerken. Infektionsgefahr bei beiden hoch.
Kürzlich finde ich in einer Tageszeitung eine ganzseitige Werbeanzeige, die im Kleingedruckten objektive Berichterstattung bewirbt. Der mittig platzierte Text: Woher ein Influencer seine neuen Sneaker hat, wissen Sie. Aber nicht, woher er seine Informationen hat. Die Illustration zeigt ein Paar Sneaker, ein schickes No-Name-Produkt, aber vielleicht täusch‘ ich mich. Ich kenn‘ mich mit Marken nicht aus.
Vor geraumer Zeit war auf Ö1 eine Sendung über Influencer. Das Berufsbild ist relativ neu. Es entstand um die Jahrtausendwende. Der typische Influencer ist ebenso jung wie der Begriff und weiblich. Dementsprechend sind auch die Follower, deren Anzahl für den finanziellen Gewinn nicht unerheblich ist, überwiegend weiblich, weil Frauen angeblich leichter beeinflussbar sind als Männer.
Influencer, so höre ich, setzen auf mediale Präsenz, stellen Videos auf Youtube, posten Fotos auf Instagram oder haben einen eigenen Blog. Jedenfalls haben sie nichts anderes im Sinn, als Follower zu an sich zu binden und deren Konsumverhalten zu lenken. Oft arbeiten sie mit Unternehmen zusammen und bewerben deren Produkte. Nichts als gewiefte Marketingstrategien, denk‘ ich mir. Wo kommen wir da hin? Sind Influencer die neuen Trendsetter? Oder die neuen Gefährder?
Die Medien geben mir oft Anlass, über Wörter nachzudenken. Über Wortbildungsmuster. Wie sich Sprache verändert. “Influencer” ist ein Nomen agentis. Nomina agentis sind Wörter, die mittels des Suffixes –er von Verben abgeleitet sind und Personen (auch Berufe) bezeichnen. An influencer is somebody who influences others. Ein Lehrer lehrt. Ein Leser liest. Ein Verkäufer verkauft. Sneakers.
Ein Sneaker ist aber nicht jemand, der schleicht, sondern ein Schuh, mittels dessen ich mich auf lautlosen Sohlen davonschleichen kann. Hoppala. Das Suffix –er dient auch zur Bildung von Nomina instrumentalis, Werkzeugen, nützlichen Gegenständen, Dingen des alltäglichen Gebrauchs, wie Toaster, Mixer und Bohrer. Flaschenöffner, Aktenordner. Und während ich weiter in der Zeitung lese, stapft ein ganzes Bataillon von männlichen Wörtern auf –er auf mich zu.
Meine Mutter war Schneiderin, ich Lehrerin. Wortbildungsmäßig waren wir immer sekundär, weil von einem primären Maskulinum abgeleitet, wie Eva einst, die aus Adams Rippe gezaubert wurde. Meines Wissens gibt es nur zwei gesellschaftsrelevante Wörter auf -er, wo das Femininum zuerst da war: Hexer und Witwer. Das gibt zu denken.
© Sonja M. Winkler 2020-07-20