von Christoph Litter
Es war im Sommer und ich hielt es für eine gute Idee mit der U-Bahn Richtung City zu fahren da ich ein, für mich wichtiges Comic Buch erstehen wollte. Schon während der Fahrt bemerkte ich zwei, etwa zwölf bis vierzehnjährige, Mädels welche die Umgebung an ihrer äußerst wichtigen Konversation teilhaben ließen.„Oida, ich hab a halbes Packerl Taschentücher im Ausschnitt, weil ich check das mit dem Photoshop ned. Und meine Tuttln kommen so sicha geil auf Insta“ – „Ja voll schaun echt cool aus. Gibt sicher ur viele Likes von schoafen Typn.“ Dass ich diese Aussagen überhaupt mitbekommen musste verdankte ich Umstand, dass ich dumm genug war meine Kopfhörer daheim liegenzulassen. So weit, so uninteressant.
Nach einer abenteuerlichen und spannenden Reise in den Comic Laden meiner Wahl ging es ebenso bemerkenswert wieder Richtung Heimat. Denn wie der Zufall so will, sah ich vor der Berühmten Pestsäule im Herzen Wiens die zwei jungen Damen wieder, deren Unterhaltung die gesamte U-Bahn Fahrgastschaft miterleben durfte. Sie posierten als gebe es kein Morgen. Ein Anblick der einen schlecht werden ließ. „Entschuldigen Sie, könnten Sie vielleicht ein paar Fotos von uns machen“ – Ich hatte ein Badeshort, Proleten T-Shirt und Flipflops an, ich wusste nicht, wo das “Sie” herkam. Aber hey, das zeugt von einem kleinen Hauch Manieren, also willigte ich nur zu gerne ein.
Aber ich dachte nicht daran die beiden bei Ihrer „Quasi“ Prostitution noch zu unterstützen. Ich hatte vor einfach nur die Pestsäule zu abzufotografieren. Aber dann entdeckte ich beim Zoomen einen etwas älteren Herrn, der neben der Säule stand, beim Durchstöbern seiner Nase mittels seines Fingers. PERFEKT.
Die Kamera und ich liebten ihn: „So weiter nach oben!“ – Der Finger glitt weiter nach oben Richtung Stammhirn. „Jowoi! Zeig mir wies richtig geht.“ – Er bohrte und drehte den Finger als wäre es ein Schraubenzieher. „Nur noch ein, zweimal dann hast erm!“ Endlich, es war anscheinend soweit. Ein angestrengter Blick wandelte sich in einen überaus freudigen. „Spitzinger!!!“ Meine Anfeuerungsversuche verleitenden indes die zwei, ehrlich zugegeben fast von mir vergessenen, Inhaber des Handys sich zu räkeln und strecken als wären sie im Hot Yoga Kurs. War mir egal. Der Mann und ich hatten einen ganz besonderen Moment. Und die Fotostrecke bewies es. Ich ging zu den ausgelaugten Damen, reichte ihnen ihr Handy, bedankte mich bei dem leicht irritierten Herrn und ging weiter meines Weges.
An die zwei Mädels, die meine Töchter sein hätten können: Geht zur Schule und fragt mal was es mit der Pestsäule auf sich hat.
An den älteren, vermutlich deutschen, weil weiße Socken mit Sandalen, Touristen: Ich weiß nicht, ob es das Bernsteinzimmer oder „nur“ ein hartnäckiger Rotz war der Sie beim Atmen genervt hat. Es war eine Inspiration und ein Vergnügen Sie dabei beobachten zu dürfen. Auf diesem Weg hoffe ich, dass Sie was auch immer in Ihrem Riechorgan gesucht, auch gefunden haben.
© Christoph Litter 2021-02-17