Integrationsverweigerer*in

Satu Fischer-Kongtso

von Satu Fischer-Kongtso

Story

Bist du eigentlich gut integriert? Ach, du willst wissen, was ich damit meine? Wie jetzt? Ich dachte, das wäre klar? Nein? Na gut, dann lass uns mal überlegen.

Ich bin in Hamburg geboren und dann vor einigen Jahren nach MĂĽnchen ĂĽbergesiedelt. MĂĽnchen ist toll, eine wunderschöne Stadt, wunderschön gelegen, Berge, Seen, Wald, Schweiz, Italien, Ă–sterreich, alles nicht weit weg. Ich habe dort gelebt, gearbeitet, mich ehrenamtlich engagiert, bin ein paar sehr lieben Menschen begegnet, zum Sport gegangen oder ins Kino. Trotzdem habe ich mich nie so ganz angekommen gefĂĽhlt. Woran es gelegen hat, kann ich selbst nicht sagen. Ich wĂĽrde vermuten, die Chemie hat einfach nicht gestimmt. Ich habe auch nie Dirndl oder Lederhosen besessen, bin kein groĂźer Fan von Brauhäusern und habe stets einen größtmöglichen Bogen um das Oktoberfest gemacht. AuĂźerdem war da das Problem mit der Sprache. Ich hatte mal zwei wirklich freundliche bayrische Handwerker in meiner Wohnung. Sie haben sich nett mit mir unterhalten, mir Dinge erklärt und Fragen gestellt … leider habe ich bis heute keine Ahnung, worĂĽber sie gesprochen oder was sie da eigentlich gemacht haben.

Was meinst du, war ich schlecht integriert? Was ist denn Integration? Sprache? Identität? Kultur? Ein wirtschaftlicher Beitrag? Gleichberechtigte Teilhabe? Oder gar (Lokal)Patriotismus? Einige dieser Kriterien habe ich erfüllt, andere nicht. Einige wollte ich erfüllen, andere nicht. Was macht das jetzt aus mir? Eine teilintegrierte Integrationsverweigerin? Was hätte man in München wohl gesagt, wenn ich versucht hätte, Bayrisch zu sprechen? Wäre das positiv aufgefallen als Zeichen des guten Willens und des interkulturellen Respekts? Oder hätte man mich im Gegenteil schief angeguckt?

Was ist mit dir, da, wo du jetzt bist? ErfĂĽllst du alle Kriterien des Leistungskatalogs? Willst du alle Kriterien erfĂĽllen? Ja? Nein? Bist du gerne angepasst? Oder eher so gar nicht?

Inzwischen bin ich übrigens wieder zurück in Hamburg. Ja, ja, ich weiß. Integrationsverweigerer*innen sollen dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Tja, da bin ich mittlerweile tatsächlich. Sogar in haargenau demselben Stadtteil, in dem ich früher aufwuchs – und soll ich dir was sagen? Ich fühle mich hier so gar nicht angekommen. Nicht, dass es nicht schön wäre. Ist es. Ich lebe hier, arbeite, ziehe meine Kinder groß. Meine Eltern, ja, sogar meine Großeltern wohnen nur ein paar Straßen entfernt. Aber ob ich hier integriert bin? Keine Ahnung. Kulturschocks funktionieren in beide Richtungen, sie erwischen einen da, wo man hingeht, genauso wie dort, wohin man zurückkehrt. Verrückt, oder?

Wenn es mir schon so ergeht mit der Integration, wie ist es dann erst mit Menschen, die weiter migrieren als 800 Kilometer innerhalb ein und desselben Staates? Ob man zu ihnen wohl ebenso freundlich ist, wenn sie die Sprache nicht verstehen oder vor irgendeiner kulturellen Eigenart kapitulieren? Was meinst du: Haben auch sie das Recht, da, wo sie sind, nicht angekommen zu sein?


© Satu Fischer-Kongtso 2023-10-06

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Humor& Satire
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