von Walter Weinberg
Im Februar hatten meine Eltern und ich das Gymnasium Dachsberg samt Internat erstmals besichtigt, und ich wurde angemeldet. Wir hatten damals einen Termin beim Heimleiter P. Prinz vereinbart. Es schneite und war sehr kalt an diesem Sonntag Nachmittag im Februar.
Wir betraten das InternatsgebĂ€ude, das wir glĂŒcklicher Weise gleich fanden bei diesem Dorf Ă€hnlichen GebĂ€udekomplex. Wir fanden auch gleich das PrĂ€fekten-Dienstzimmer, wo ein Ă€lterer Herr gerade telefonierte: âTut mir leid, unser Heimleiter Pater Prinz ist heute leider nicht hier. Bitte rufen Sie morgen wieder an. Auf Wiederhören!â Mein Vater fragte trotzdem: âGrĂŒĂ Gott, wo finden wir Herrn Pater Prinz?â âJa,â antwortete Pater Elias, âder ist heute nicht da. Ich kann Sie aber zu unserem Direktor fĂŒhren!â
Mir flöĂte das GebĂ€ude wegen seiner GröĂe Angst ein. Das war fĂŒr mich als Kind vom Land eine völlig neue Welt. Wir begrĂŒĂten nun den Direktor Pater Biregger. Meine Eltern sprachen mit dem Direktor ĂŒber mein Halbjahreszeugnis von der Volksschule: âOb Walter mit einem Dreier in Mathematik ĂŒberhaupt aufgenommen werden kann?â Pater Biregger meinte: âLeider sind wir ja schon ziemlich voll fĂŒr das nĂ€chste Schuljahr, aber wenn jemand ausfĂ€llt, werden wir ihn aufnehmen. Es fallen ja jedes Jahr welche aus!â Er fĂŒhrte uns durch einen dunklen fensterlosen Gang zur Kapelle, als mich plötzlich ein totes Zebra, dessen Fell an einer Wand hing, erschreckte. Ich war etwas verĂ€ngstigt, was Pater Biregger merkte: âIch muss mich entschuldigen, es brennt kein Licht, weil ja am Sonntag kein Schulbetrieb ist!â Vorm Eingang war eine dicke BetonsĂ€ule, und ein groĂes Kreuz mit einem lebensgroĂen voll Schmerz und Wunden gezeichneten Christus.
Zur Kapelle musste man durch eine schmale SchiebetĂŒr, und die Stiege hinab gehen. Dort unten war es eiskalt! Pater Biregger erklĂ€rte: â270 Personen finden hier Platz.â SpĂ€ter als SchĂŒler bei Gottesdiensten merkte ich, wie wenig Platz das war. An der Altarwand hing eine ĂŒbergroĂe, sehr ungewöhnliche Jungfrau Maria, die mir vorkam wie ein JĂŒngling. Der Direktor sagte ĂŒber die Statue: âDas ist unsere Sonne!â Er meinte damit den Heiland Jesus, also doch keine Jungfrau Maria. Die ganze Kapelle wirkte sehr seltsam und kĂŒhl in ihrer Siebzigerjahre-Architektur. Wir gingen zu den kleinen SeitenaltĂ€ren, und Pater Biregger fragte mich: âWer ist der Mann, der da im Seitenaltar dargestellt ist?â Ich sah das bunte Glasbild an und antwortete: âDas weiĂ ich nicht.â Pater Biregger erwartete offensichtlich, dass ich es weiĂ: âDas ist der Heilige Josef mit dem Jesuskind.â âJa, aber der Josef hat doch einen Bartâ, entgegnete ich. Anscheinend war in dieser Kirche alles ein wenig anders. Er zeigte uns dann den Bastelraum und den Turnsaal. Die Fenster vom Bastelraum, durch die man in den Turnsaal sah, faszinierten mich. Wir besichtigten noch den Festsaal mit der BĂŒhne und den Speisesaal, der einzige Raum, der mich glauben lieĂ, dass Dachsberg ein Schloss ist.
© Walter Weinberg 2020-08-03