Es ist dunkel und die StraĂenlaternen ziehen an mir vorbei. Ich kann meine Augen kaum noch offen halten. Hoffnungsvoll drehe ich die Musik ganz laut auf, aber samstagnachts spielt das Radio nur fĂŒr Feierlustige und nicht fĂŒr die, die auf dem Heimweg nach einer langen Schicht krampfhaft versuchen, nicht wegzunicken. Dann mischt sich der Radiosprecher unter das sinnlose Rauschen.
âDanke an alle, die im Gastgewerbe oder dergleichen arbeiten und uns am Wochenende eine schöne Zeit bereiten.â
Ich muss unweigerlich schmunzeln. Er redet mit mir.
Seit Jahren verbringe ich meine Wochenenden damit, andere zu bedienen und finanziere mir so mein Studium. Ich liebe meinen Job. Aber nicht immer. Wer tut das schon? Heute war einer dieser Tage, die mehr nehmen als geben. Ich bin extra frĂŒher aufgestanden, um vor der Arbeit noch ein paar Lernstunden unterzukriegen, um dann in eine 12-Stunden-Schicht zu starten. Mir schwirrt der Kopf. Der Regen tropft auf die Fensterscheibe und komplettiert das Klischee.
Ich liebe meinen Job. TĂ€glich habe ich mit Menschen zu tun, bin Seelsorger, Zuhörer oder sogar Freund. Kein Tag gleicht dem anderen und ich bin stĂ€ndig in Bewegung. Seit Jahren poliere ich diese GlĂ€ser, lasse Teller schweben und serviere mit einem LĂ€cheln. Die Handgriffe sitzen und die Vertrautheit der AblĂ€ufe gibt mir das GefĂŒhl von Sicherheit. Mit Dirndl und Pferdeschwanz bin ich hier von einer schĂŒchternen SchĂŒlerin zu einer gestandenen jungen Frau mutiert. Hier bin ich aufgewachsen. Unter den strengen Blicken der StammgĂ€ste.
âWhy so serious?!â
Ich trage viele Gesichter und ein aufgemaltes LĂ€cheln. Manche sind Masken zum Selbstschutz. Manche habe ich von anderen umgeschnallt bekommen. Die meisten hĂŒllen mich in NormalitĂ€t. Verschleiern die verrĂŒckten TrĂ€ume. Lassen die irrationalen Gedanken verstummen. Machen mich gleich. Bei der Arbeit bin ich ein Sonnenschein oder versuche zumindest einer zu sein. Manchmal ist es echt und manchmal eben nicht. Bin eben menschlich.
Was wĂŒrdest du sagen, wenn ich dir erzĂ€hle, dass ich nicht immer enthusiastisch bin? Ich freue mich nicht immer, dich zu sehen. Ich finde deine SprĂŒche nicht immer lustig und manchmal ist mir gar nicht nach lachen zumute. Aber das siehst du nicht. FĂŒr dich bin ich austauschbar. Kellnerin ist gleich Kellnerin. Siehst nur eine Hand, die dir dein Essen reicht.
Was wĂŒrde passieren, wenn ich immer mein wahres Gesicht tragen wĂŒrde? Tut das ĂŒberhaupt irgendjemand? Kann ich mir nicht vorstellen. Manchmal wĂŒnsche ich es mir. Einen Tag der ungefilterten Wahrheit, an dem ich Unfreundlichkeit mit Unfreundlichkeit erwidern darf und abfĂ€llige Bemerkungen nicht nur einstecken muss. Das wĂ€re mal etwas anderes.
Erschöpft schlieĂe ich die AutotĂŒr und schleife mich die Treppen hinauf. Mechanisch schleppe ich meinen mĂŒden Körper unter die Dusche. Mit nassen Haaren falle ich ins Bett, um ein paar Stunden Schlaf zu stehlen, bevor es wieder von vorne losgeht.
© Martina Braunegger 2021-08-31