Je suis Schleich di, du Oaschloch

Nina Burian

von Nina Burian

Story

Es ist der Abend vor dem Lockdown. Eine unheilschwangere Stimmung zieht durch die Straßen. Unsere Stadt wurde von einem feigen AttentĂ€ter mitten in ihr Herz getroffen. Zwar ist der Schwedenplatz bei Gott nicht so eine schöne Herzeige-Umgebung, wie man sie bei den Wiener Wahrzeichen findet, aber er ist das Zentrum des jungen, pulsierenden Wiener Nachtlebens.

Ich bin in meinen wilden Jahren ab und zu im sogenannten Wohnzimmer abgehangen, der kleine Beserlpark zwischen Franz Josefs-Kai, einem Parkhaus und den Imbissstanderln. Wo sonst meistens friedlebend Junkies, Alkies, Skinheads und jugendliches Partyvolk eintrĂ€chtig nebeneinander sitzen und sich gegenseitig um Tschick und Papers anschnorren. Wo Unstimmigkeiten miteinander meist mit einem “Heast Oida, chill.” gelöst wurden, als mit Gewalt. Hier wurde in dieser Nacht kein Feuer gereicht, sondern laute Salven ausgetauscht. In dieser Gegend haben 4 Menschen ihr Leben verloren. Auch ich habe mich frĂŒher im Bermuda Dreieck verloren, aber dabei so manchen Rausch gefunden (ein hinkender Vergleich, ich weiß).

Mir steigt immer noch dieser einzigartige Geruch in die Nase, wenn ich an die Bermuda-NĂ€chte denke. Eine Mischung aus abgestandenem Tschickrauch, verschĂŒttetem Alkohol und verlorener Unschuld. Damit meine ich nicht unbedingt die sexuelle – obwohl auch das sicherlich ein Teil davon ist – sondern die Unschuld, die man verliert, wenn man als Teenager seine ersten Geh- oder eher Torkelversuche durchs Wiener Nachtleben startet. Abgelöst von kribbelnder Aufregung, von einem Nichts-Kann-Mir-Was GefĂŒhl. Vom Mut und der NaivitĂ€t der Jugend.

All diese Empfindungen hat der AttentĂ€ter in weniger als 10 Minuten fĂŒr immer gestört.

Ich stelle mir vor, wie jetzt Fritz Muliar wie aus dem Film Muttertag traurig am Schwedenplatz steht und mit traurigem Blick flĂŒstert: “Des is ned meine Stadt.“ Das Ziel dieser Extremisten ist, die Gesellschaft zu spalten und die, die sich unverstanden fĂŒhlen, in ihre Arme zu treiben. Aber Wien wĂ€re nicht Wien, wenn es sich das einfach gefallen lassen wĂŒrde.

Ich sehe, wie Menschen gefeiert werden, die sonst aufgrund ihrer Herkunft und Religion von vielen alteingesessenen Wienern schief angeschaut werden. Ich lese unzĂ€hlige Geschichten ĂŒber Zusammenhalt in dieser Nacht. Ich höre, wie Verwundete versorgt wurden. Wie wildfremde mit dem Auto mitgenommen und sicher nach Hause gebracht wurden. Wie alle ihre Lieben angerufen haben.

In dieser Nacht machte ganz Wien kaum ein Auge zu, sondern schaute traurig zum Bermuda Dreieck. In dieser Nacht sind wir aber auch nĂ€her zusammengerĂŒckt.

Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Art mit derartigen Tragödien umzugehen. Wien ist auch hier anders. ‘Schleich di, du Oaschloch’ ruft ein Anrainer dem AttentĂ€ter nach. Grantig, bitterböse und uns allen aus dem goldenen Wiener Herzen sprechend. Ein Terrorist zieht mordend durch die Straßen. Aber ihm wird immer noch eine Goschen angehĂ€ngt. Das meine Stadt.

© Nina Burian 2020-11-11

Hashtags