von Jürgen Heimlich
Vor wenigen Tagen wurde mir von einem dramatischen Ereignis berichtet. Eine Person verhielt sich dermaßen grausam, dass ich die Redewendung „diesem Menschen sollten mal die Leviten gelesen werden“ benutzt habe. Eine Redewendung, die ich äußerst selten verwende. In schriftlicher Form, wie in diesem Falle, vielleicht noch nie. Jedenfalls habe ich, bevor ich die Mail abgeschickt habe, genauer recherchiert, was es historisch mit der Redewendung „Jemandem die Leviten lesen“ auf sich hat. Dass es sich um eine Zurechtweisung infolge ungebührlichen Verhaltens handelt; ja sogar um eine strenge Zurechtweisung, war mir natürlich klar. Schließlich galt es, mich zu fragen, wie einem solch ungeheuerlichen Verhalten etwas entgegengesetzt werden könnte. Aufgrund der großen Entfernung zum Urheber dieses Verhaltens ist es mir nicht möglich, tatsächlich dermaßen vorzugehen, dass ich diesem Menschen die Leviten lese. Eine Mail würde schnell im Papierkorb landen.
Gerade einmal zwei Tage, nachdem ich diese Redewendung schriftlich formuliert hatte, schaute ich mir wie fast jeden Tag die Sendung „Volle Kanne“ an. Eine Sendung, die mir insbesondere während der Pandemie sehr ans Herz gewachsen ist. Fast jede Woche stellt eine sogenannte Besserwisserin eine Frage, die ein Zuschauer, der es geschafft hat, telefonisch durchzukommen, beantworten kann. Es gibt immer drei Antwortmöglichkeiten. Zu gewinnen gibt es einen Kaffeebecher oder eine Müsli-Schale. Es geht um den Spaß und die Fragen und Antworten entzücken mich immer wieder. Heute also, am 28. Juli, stellt die Besserwisserin die Frage: „Woher kommt denn die Redewendung JEMANDEM DIE LEVITEN LESEN?“ Dass es mit der Bibel zu tun hat, hätte ich schon vor mehr als zwei Tagen gewusst. Nun kannte ich aber schon die genaueren Hintergründe! Also etwa, dass im Buch Levitikus im Alten Testament viele Vorschriften aufgezeichnet sind. In Klöstern kam insbesondere bei den Benediktinern der Brauch auf, ungehorsamen Mönchen sehr lange Passagen aus der Bibel, und zwar konkret aus dem Buch Levitikus, vorzulesen. Diese Aufgabe übernahm oft ein Bischof. An die festgeschriebenen Regeln sollten sich die Mönche halten. Es galt, ihre Disziplin einzufordern! Als die Besserwisserin die Antwortmöglichkeiten vorgab, dass es aus der Weinlese, dem britischen Parlament oder eben der Bibel käme, schmunzelte ich in mich hinein.
Dieser „Zufall“ zeigt, dass es immer auch darauf ankommt, wie damit umgegangen wird. Es wird Menschen geben, die diesen Umstand gar nicht bemerken oder als unbedeutend einstufen. Dabei kann jeder „Zufall“ das Leben bereichern. In diesem Falle hatte ich mich erstmals intensiver mit einer Redewendung auseinander gesetzt und nur zwei Tage später diese Redewendung in „Volle Kanne“ serviert bekommen. Das hat auch Charme.
Nichts desto trotz hoffe ich, dass diesem unmöglichen Menschen einmal ordentlich die Leviten gelesen werden. Das wäre absolut notwendig.
© Jürgen Heimlich 2022-07-28