Kakao für die Seele

von kindofkarin

Ich blicke durch die große beschmierte Fensterscheibe und obwohl ich aus der klirrenden Kälte ins wohlige Warme geflüchtet bin, fühle ich immer noch diese eisige Leere in mir ausbreiten.

Mit eingefrorenen Händen entledige ich mich meiner fingerlosen Handschuhe.

„Das übliche, Gnä’ Frau?“

Wortkarg nicke ich dem schlanken, ja fast überdurchschnittlich mageren Kellner zu und wische mir die mittlerweile viel zu groß gewordene Rotzglocke von meiner Nase. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem regen Treiben an diesem Mittwoch Nachmittag in meinem Lieblingskaffee. Das heitere Gemurmel der zahlreichen Gäste, das klirren und klappern der Teller und Tassen und der intensive Geruch von Kaffee und Wiener Kuchen strömt mir in die Nase. Kurz entfliehe ich in eine innere Welt der süßen Behutsamkeit, so wie damals, als ich bei Oma in der Küche saß.

Ein großer Schatten, der an mir vorüber zu ziehen scheint, holt mich zurück ins Hier und Jetzt.

„Na, so sieht man sich wieder.“

Ich schlucke. Und mir scheint als würde mir die noch nicht gefrorene Spucke im Hals stecken bleiben.

„Ich wusste, dass ich dich hier einholen würde. Ich beobachte dich schon länger.“

Meine Augen versuchen mit aller Kraft das Ebenbild auf dem wackeligen Stuhl mir gegenüber wegzublinzeln. Soll ich einfach schnell aufstehen und rennen? Würde sie mich dennoch erwischen? Und wer bezahlt dann meinen Kakao, der mir bestimmt in wenigen Minuten an den Tisch gebracht wird?

Ich spüre leichte Panik in mir hochkommen. Nervös suche ich nach dem verrotzten Taschentuch, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen. Meine Finger sind immer noch steif vom ausgedehnten Spaziergang entlang des gefrorenen Teiches.

Mir wird speiübel und hinterfrage innerlich, ob ich nicht lieber einen milden Kräutertee hätte bestellen sollen. Mein Kopf dröhnt, ich merke, wie sich mir die trockene Kehle zuschnürt. Ich japse nach Luft, schließe erneut meine Augen und erinnere mich, in den Bauch zu atmen. Genauso wie bei meinen Yoga-Übungen, die ich fleißig mache, um meine tägliche Routine zu behalten.

„Ich rieche deine Angst. Komm mit. Du kannst so und so nicht weglaufen. Ich werde dich aufspüren. Immer und immer wieder.“

Meine Verzweiflung und Hilflosigkeit hüllt mich in eine dicke graue Dunstwolke und das laute Getümmel um mich herum wird leiser und leiser. Eine sanfte Berührung an meiner linken Schulter lässt mich aufblicken. Gleichzeitig mit dem Kakao kommen mir die Tränen und es bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn.

„Ist alles in Ordnung, Gnä’ Frau? Warn’s wieder bei Ihrer Therapeutin und am Teich?“.

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