von Carmen Diego
Bluse zuknöpfen. Ärmel richten. Ärmelloses Kleid drüber. Ich würde schwitzen wie ein Wildschwein, aber wenigstens war alles bedeckt, was bedeckt sein musste. Laut meiner Mutter war diese Bekleidung notwendig, um mich fromm aussehen zu lassen und meinen „Fehltritt“ in Vergessenheit geraten zu lassen. Unter Fehltritt verstand sie den Fakt, dass ich mich vor sechs Jahren geweigert hatte, mich firmen zu lassen. Dabei war meine Familie selbst Schuld. Von klein auf hatte man mir eingebläut, was für ein wichtiges Sakrament die Firmung sei, da man dann kirchlich gesehen erwachsen war. Das hatte mir als 13-Jährige so viel Panik gemacht, dass ich mich schließlich geweigert hatte, diesen Schritt in meinem Leben als Teenagerin zu begehen. Ich gehörte zu einer Familie, in der die Kinder seit vielen Generationen streng religiös erzogen wurden. Einige aus meinem Stammbaum waren sogar heilig gesprochen worden. In unserem kleinen Dorf wurden wir als christliche Perfektion angesehen und in der Kirchengemeinde waren wir berühmt. Klar, dass meine Verweigerung eine Schande für meine Eltern gewesen sein musste. Die verstaubteste Tradition, die immer noch in Kraft trat, war, den Erstgeborenen oder die Erstgeborene aller Verwandten in ein Kloster zu schicken. Gott sei Dank hatte ich eine große Schwester! Ein letzter Blick in den Spiegel. Leise summend warf ich mir meine schwarzen langen Locken über die Schulter. ,,ADA, KOMM JETZT ENDLICH, VERDAMMT, SONST KOMMEN WIR ZU SPÄT!“, brüllte meine Mutter. Ich verdrehte die Augen. Eine Haarsträhne fiel mir wie immer ins Gesicht. Routinemäßig strich ich sie mir hinter das linke Ohr. Als meine Mutter noch einmal rief (ADA MATHILDA MUSS ICH DICH EIGENHÄNDIG AUS DEINEM ZIMMER BEFÖRDERN) rannte ich rasch aus dem Zimmer und schlüpfte im Laufen in meine Ballerinas. Die Treppe stolperte ich eher hinunter als dass ich ging. In meiner Hast übersah ich, dass die verglaste Terassentür nicht offen war und knallte dagegen. Als wäre nichts passiert, trat ich einen Schritt zurück, öffnete die Tür und schritt würdevoll ins Freie. Meine Eltern und meine ältere Schwester Chloë starrten mich stumm an. Auf dem Weg zur Kirche trafen wir auf meine Tante mütterlicherseits und ihre zwei Söhne. Magdalena war fünf Jahre jünger als meine Mutter und hatte blonde Locken. In dieser Generation hatte mein Onkel sich einem Kloster anschließen müssen. Ihre sechsjährigen Zwillinge Leo und Lorenz hatten ihre Haarstruktur geerbt, beziehungsweise sahen sie mit ihren runden, pausbäckigen Gesichtern und den großen, grauen Augen aus wie ihre Klone, vom Vater keine Spur weder im Aussehen noch als anwesende Person. Meiner Tante wurde der Fakt, dass sie verlassen wurde, seit vier Jahren vorgeworfen, da die Ehe ja ein Leben lang halten sollte. In meiner Generation würde Chloë zu einer Nonne werden. Eigentlich machte sie sich gerne wichtig mit ihrem „Schicksal“ und blieb nach der Sonntagsmesse oft noch sitzen, um zu beten. Doch in letzter Zeit sprach meine Schwester nicht mehr so oft über ihre Zukunft und lächelte bemüht, wenn das Thema aufkam… Ich hab Durst!“, quengelte Leo. ,,Ich auch! Ich habe heute komplett vergessen, etwas zu trinken!“, pflichtete ich ihm bei. Sofort hakte er sich bei mir ein, da ich die Einzige war, die nicht die Augen verdrehte. ,,Stell dir mal vor, so ein RIESIGES Glas Wasser!“, schwärmte mein Cousin und seufzte sehnsüchtig.
© Carmen Diego 2025-08-28