von Aaliah
Ich hatte Cassia so noch nie gesehen. Ihre Präsenz war voller Verzweiflung und Angst. Ich wollte nicht, dass sie sich so fühlte. Jetzt bereute ich doch, wie ich zu ihr war. Ich wusste gar nicht, wie ich mich jetzt verhalten sollte, deswegen legte ich mich einfach zu ihr auf mein Bett. Sie wandte mir den Rücken zu, mit ihren Händen immer noch vor ihrem Gesicht. Bei dem Versuch ihr Weinen zu unterdrücken, bebte ihr Oberkörper schluchzend mit jedem Atemzug. Ich legte meine Hand auf ihren Oberarm. Ihre Locken kitzelten meine Nase. Wir lagen eine Weile so da, bis sich ihr Atem beruhigt hatte. Cassiopeia war wieder diejenige, die ihr Schweigen brach. Sie drehte sich zu mir, während sie schniefend in sich hineinlachte: „Ich werde verrückt…ich wollte nicht, dass du mich so siehst.“ – „Wieso?“ Sie seufzte tief, aber antwortete nicht auf meine Frage. Ich versuchte es nochmal mit einer anderen Frage: „Cassia, seit wann geht es dir so?“
„Als du das erste Mal von Ilonas Tagebuch erzählt hast. Davor hatte ich ja noch nicht mal einen Grund, unser Leben infrage zu stellen. Wieso auch? Ich kannte nichts anderes. Je mehr ich erfuhr, desto mehr hinterfragte ich. Bis ich aus der Gedankenspirale nicht mehr rauskam. Meine Mama hat meine Existenzkrisen mitbekommen und wollte, dass ich mit Ilona persönlich darüber rede, was auch immer das bringen sollte. Ich denke, sie war ziemlich ratlos. Eigentlich war ich mit Ilona sogar gut dabei, mich damit abzufinden, dass ich niemals die Wahrheit wissen werde und daran nichts ändern kann. Aber dann kam der Typ. Ich brauche einfach nur die Wahrheit. Und dafür brauche ich ihn.“
„Wieso ihn? Und wieso hast du mir denn nichts davon erzählt? Du musst doch nicht irgendeine Fassade aufsetzen.“ Cassiopeias Miene änderte sich schlagartig. Sie grinste verschmitzt: „Nova, bist du etwa eifersüchtig?“
„Jetzt nimm das doch ernst!“ Ihr Grinsen verschwand genauso schnell wie es kam: „Es ist mir egal, was irgendein Typ von mir denkt, solange er mir hilft. Es ist mir allerdings nicht egal, was du von mir denkst.“
„Wieso nimmst du mich dann nicht ernst, wenn ich dir sage, was ich von dem Typ denke?“
Sie schwieg. Ich verstand nicht, was dieser Typ mit allem zu tun hatte. Ich wusste nur, dass ich Cassias Entscheidungen nicht beeinflussen konnte. Das einzige, was ich machen konnte, war es, eine gute Freundin zu sein. Ich nahm ihre Hand und drückte sie bestätigend: „Es gibt und wird niemals etwas geben, weswegen ich schlecht von dir denken sollte.“ Einen Hauch eines Lächelns konnte man auf Cassiopeias Lippen erkennen. Sie setzte sich langsam auf, weiterhin mit ihrer Hand in meiner, und zog mich hoch. Die Sonne ging allmählich auf und leuchtete in Cassias Haarpracht. Sie umarmte mich in mein dunkles, kurzes Haar murmelnd, sodass ich sie kaum verstand: „Es wird übrigens auch niemals etwas geben, weswegen du eifersüchtig sein müsstest.“ Ich hörte an ihrer Stimme, wie sie dabei schmunzelte. Ich verdrehte seufzend die Augen und konnte nicht anders, als mitzuschmunzeln.
© Aaliah 2025-08-23