von QBCAST64
„Ich dachte immer, ich würde es merken. Merken, wenn ich erwachsen geworden bin. Merken, wenn ich nicht mehr der 17-Jährige bin. Nur merkte ich nicht, wie still und heimlich es kam.“
Ich tippte die Worte in mein Notebook, als ob sie aus meinen Fingern strömten. War das der Beginn meiner Geschichte? Eine Reflexion darüber, dass das Jahr 1998 auf meinem Ausweis mehr war als nur eine Aneinanderreihung von Zahlen? Kurz darauf rieb ich mir den Kopf. In der Tat hatte ich nicht gemerkt, wie die Jahre an mir vorbeigezogen waren.
Wir waren etwa fünfzehn, sechzehn, als Ivan, Abdul, Lukas, Ibo und ich nichts als Unsinn im Kopf hatten. Lukas und ich, die einzigen, die aufs Gymnasium gingen, waren gleichzeitig die Hoffnungsträger der Gruppe. Ivan wollte eine Ausbildung beginnen, Abdul musste seinen Weg noch finden, aber Ibo schien verloren. Ich erinnerte mich dunkel an einen Abend, an dem wir betrunken durch die Straßen schlenderten und an einer Parkbank Halt machten. „Man, kein Wunder, dass die Deutschen uns hassen“, rief Ivan in die Gruppe. „Digga, halt’s Maul. Was juckt’s mich, was die Pisser sagen. Wir haben doch auch einen Deutschen dabei, denkst du, die hassen ihre eigenen Leute? Oder Lukas, stimmt’s?“, Ibo unterbrach den Einwand und tippte Lukas mit der Jägermeisterflasche an. „Jägermeister, ole ole!“, sang Lukas stolz und kippte sich die Flasche wie Wasser.
Ich blickte meine Jungs an. Lukas lachte und trank mit den anderen, während Ivan nur den Kopf schüttelte. Ob wir wollten oder nicht: dazugehören würden wir nicht. Nicht weil wir es nicht wollten, sondern weil die kleinste Abweichung von der Norm uns automatisch aus dem Raum warf. Wie von jener Party, zu der wir uneingeladen kamen, nur um zu zeigen, dass es uns auch gab. Die Misfits.
„Warum das hängende Gesicht, Abi?“, fragte Ibo mich, während er sich eine Zigarette aus der Tasche kramte. Er gab mir eine und zündete sie an. „Die hassen uns doch gar nicht. Aber wenn, dann geben wir ihnen doch einen Grund.“ Kurz nach meinem Satz zog ich an der Zigarette. Vorurteile gepaart mit umgekehrter Diskriminierung. Wir alle suchten nach einem schwarzen Schaf, das als Zielscheibe unserer Probleme diente. „Bullshit, Timur. Denkst du, du bist Deutscher, weil du hier geboren bist oder akzentfrei sprechen kannst? Digga, deine Mom konnte nicht mal verstehen, was du da in deinem Gedicht-Scheiß-Wettbewerb geschrieben hast.“ Ibo funkelte mich zornig mit seinen braunen Augen an. Ich wich seinem Blick nicht aus, sondern korrigierte ihn: „Poetryslam.“ „Sag ich doch, Gedichts-Scheiß-Slam. Checkst du das nicht?“
Die Worte von Ibo hallten mir noch Jahre später im Ohr. Obwohl meine Mutter so lange hier gelebt hatte, kämpfte sie immer noch mit der Sprache. Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil zwischen ihrer Drei-Schicht-Arbeit keine Deutschstunde lag. Stattdessen blieben nur ein paar Stunden Schlaf, bevor es wieder los ging. Ich erinnerte mich daran, wie ich ihr meine Texte vorlas, während sie nickte, ohne alles zu verstehen. Doch ihre Augen sagten mir, dass sie jedes Gefühl begriff.
Worum es in meinem Poetryslam ging?
Heimat.
© QBCAST64 2025-09-03