Mara konnte Tote schon immer sehen. Meistens war das harmlos. Die meisten spukten höflich vor sich hin, schwiegen oder beschwerten sich über verwahrloste Grabpflege. Nur ihre verstorbene Großmutter Gertrud weigerte sich, auch nach ihrem Ableben aus Maras Leben herauszuhalten.
Der alte Stadtfriedhof war Maras Lieblingsort. Ruhig, menschenleer, voller verwitterter Geschichten. Dass sie Jonas ausgerechnet hierher eingeladen hatte, war also naheliegend. Insgeheim hatte sie sogar gehofft, Gertrud würde ihr Rückendeckung geben. Jetzt, beim Anblick von Jonas vor dem eisernen Tor, bereute sie diesen Gedanken jedoch zutiefst.
»Ist das dein Standardprogramm?«, fragte er und zog die Stirn kraus. »Oder muss ich mich geehrt fühlen?«
Mara öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. »Geehrt«, sagte sie schließlich. Irgendwo hinter ihr schnaubte Gertrud belustigt.
Die ersten Minuten liefen trotzdem erstaunlich gut. Sie gingen zwischen den Grabsteinen entlang, sprachen über Musik, über schlechte Horrorfilme, über Jonas‘ feste Überzeugung, dass Fortsetzungen grundsätzlich besser seien als Originale. Mara entspannte sich so weit, dass sie aufhörte, bei jedem Geräusch die Schultern hochzuziehen.
Dann tauchte Gertrud neben einer Engelsstatue auf. Sie musterte Jonas von Kopf bis Fuß, zog die Lippen zusammen und wandte sich an Mara. »Er hat eine gute Haltung. Früher hat man auf sowas geachtet. Frag ihn, ob er Single ist.«
»Das weiß ich bereits«, zischte Mara.
Jonas sah sie an. »Was?«
»Äh, nichts.«
Gertrud seufzte, als hätte sie ihr gesamtes Leben — und offenbar auch ihren Tod — mit Enttäuschungen dieser Art verbracht. »Du wirst rot, Kind. Das sieht man von weitem.«
Mara starrte auf den Kiesweg und atmete einmal tief durch. Sie würde das ignorieren. Sie war geübt darin. Sie konnte das.
»Er hat auch schöne Hände«, ergänzte Gertrud sachlich. »Sag ihm das. Männer hören das gerne.«
»Gertrud.« Maras Stimme war sehr ruhig, was bei ihr kein gutes Zeichen war. »Wenn du nicht augenblicklich aufhörst, rufe ich morgen früh einen Exorzisten an.«
Absolute Stille. Jonas blieb stehen. Er sah Mara an, lange genug, dass sie überlegte, ob man auf einem Friedhof eigentlich einfach im Boden versinken konnte.
»Gertrud?«, fragte er schließlich.
„Meine tote Großmutter«, stöhnte Mara.
Jonas dachte kurz nach. Dann zuckte er mit den Schultern und setzte den Weg fort. »Solange sie keine Filmtipps gibt, kommen wir klar.«